„Bunker Roy gegen den Staat Rajasthan“ –ein Urteil des Obersten Gerichts zündet die Frauenbewegung
Die nachfolgende Geschichte der Frauenbewegung von Rajasthan hat mir Ramkaran erzählt (siehe dazu auch den vorhergehenden Blogbeitrag). Da ich keine historischen Fotos zur Verfügung habe, sind in diesem Beitrag Porträts von Frauen und Mädchen abgebildet, die zur Zeit im barefoot college oder seiner Umgebung leben und arbeiten – sie stehen jedoch in keinem direkten Zusammenhang zur beschriebenen Geschichte.
Frauengruppen entstanden 1981 in Rajasthan – durch einen Fall öffentlicher Diskriminierung von Frauen. In der Nähe von Tilonia wurden öffentliche Straßenarbeiten durchgeführt, bei denen 600 Menschen Arbeit hatten – 300 Frauen und 300 Männer. Die Männer bekamen 4 Rupien Stundenlohn, die Frauen nur 3 Rupien. Alle waren faktische Analphabeten und niemand wußte, dass es ein Gesetz über Mindestlohn gab, das sogar 7 Rupien Stundenlohn vorschrieb. Aber die Frauen sahen, was die Männer bekamen und was sie bekamen und waren entrüstet. Man begründete ihnen gegenüber die Ungleichbezahlung damit, dass sie schwächer wären als Männer und daher weniger schaffen würden. Die Frauen arbeiteten jedoch genauso effektiv wie die Männer und waren daher mit der Ausrede nicht zufriedengestellt. Eine Delegation von 10-15 Frauen machte sich auf den Weg in das nahe gelegene Tilonia, um dort Bunker und Aruna Roy von ihrem Fall zu erzählen. Die Annahme ihres Lohnes hatten sie bis dahin verweigert.
Von Aruna und Bunker Roy erfuhren sie dann erstmalig von ihrem Recht auf Mindestlohn von sogar 7 Rupien – mehr als das Doppelte dessen, was man ihnen bezahlen wollte. Noch am gleichen Abend versammelten sich die Frauen in Harmara, dem Arbeitsstandort – alle 300 Arbeiterinnen nahmen am Treffen teil. Gemeinsam beschlossen sie, die Annahme ihres Lohnes weiterhin zu verweigern und 7 Rupien Lohn zu fordern.
Für das Straßenbauprojekt waren zwei öffentliche Behörden zuständig – das Public Works Department auf Landesebene und die Abteilung für Dörfliche Entwicklung auf Distriktsebene. Das Barefoot College schrieb einen von den Frauen unterzeichneten Beschwerdebrief mit ihrer Forderung an diese Behörden – er blieb unbeantwortet. Zehn Tage danach reichte Bunker Roy im Namen der Frauen eine offizielle Beschwerde beim Obersten Gericht auf Bundesebene ein. Alle 300 Frauen hatten ihm Vertretungsrechte überschrieben, da sie ihre Familien für die Anhörungen in Neu Delhi nicht verlassen konnten. Der Fall wurde verhandelt als „Sanjit Roy versus State of Rajasthan“ (Sanjit Roy ist Bunker Roys eingetragener Name, Bunker ist sein Spitzname, den er heute praktisch ausschließlich verwendet).
Das Verfahren dauerte über 18 Monate, bis am 20. Januar 1985 das überraschende und wegweisende Urteil des Obersten Gerichtes gefällt wurde: Der Staat Rajasthan wurde dazu verurteilt, an alle 300 Frauen den Mindestlohn von 7 Rupien die Stunde nachzuzahlen. Dieses Urteil sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Die Frauen erlebten zum ersten Mal, dass es Sinn macht, sich zu wehren, dass sie gemeinsam sogar gegen die Verwaltung kämpfen und gewinnen können.
Dörfliche Frauengruppen entstehen rund um Tilonia
In dieser Zeit begannen die ersten Frauengruppen sich zu gründen – vorerst in 11 Dörfern rund um das barefoot college. In ihnen organisierten sich 400-500 Frauen. Von diesen Frauen wurden ca. 15 Frauen ausgewählt und für sechs Monate im barefoot college ausgebildet. Sie lernten Lesen und Schreiben, aber auch Grundlagen über typische Probleme, denen Frauen ausgesetzt sind: Gewalt in der Familie, Gesundheitsfragen, Bürgerrechte. Sie lernten, wie man Graswurzelarbeit organisieren kann, wie man Meetings plant und durchführt, welche Rechte sie gesetzlich haben und wie sie sie einklagen können. Nach diesem halben Jahr Basistraining gingen die Frauen zurück in ihre Dörfer und gaben ihr Wissen als Multiplikatorinnen und Gleiche unter Gleichen weiter.
Sie trafen sich regelmäßig in den Gruppen und diskutierten die Themen, die ihnen unter den Nägeln brannten, darunter auch Probleme der Trinkwassergewinnung in Zeiten der Dürre, die Schwierigkeiten, bezahlte Arbeit zu finden, Lohnunterschiede, Vergewaltigung und Alkoholmißbrauch durch ihre Ehemänner mit seinen Folgen. Einmal im Monat gab es ein Frauengruppen-Vertreterinnen-Treffen im barefoot college, an dem aus jeder Dorffrauengruppe 2 Frauen teilnahmen. Die Vertreterinnen wechselten sich ab. Waren die lokalen Frauengruppen anfangs noch sehr klein mit 4-6 Mitgliedern je Dorf, wuchsen sie bald auf ca. 50 Frauen je Dorf an. Ein Problem, das damals besonders akut war, wurde jedoch besonders selten diskutiert. Vergewaltigung fand häufig statt, gerade junge Mädchen, die allein auf der Weide waren, um Ziegen oder Schafe zu hüten, waren den Übergriffen von Männern schutzlos ausgeliefert. Vergewaltigung war ein Tabuthema, die Angst selbst für schmutzig und/oder schuldig gehalten zu werden war groß. So blieben die meisten Vergewaltigungsfälle unbekannt, die Täter gingen straffrei davon, das Problem wurde mit der Zeit immer größer.
Das Treffen der 1000 Frauen – schon 1985 mit Barcamp-Charakter
Zu dieser Zeit, 1985, wurde in Tilonia ein großes Frauentreffen geplant, an dem über 1000 Frauen aus ganz Indien teilnehmen sollten, das Treffen sollte drei Tage dauern. Die Frauen kamen aus 16 Bundesstaaten. Genaugenommen war dieses Treffen das erste Barcamp in Indien. Es gab keine feste Agenda, da die Frauen aus den Dörfern, die im Planungskommitte saßen, sich weigerten, Themen zu genau vorzugeben. Sie wollten es den Frauen aus allen Regionen überlassen, die Tage so zu gestalten, wie sie es ihren Bedürfnissen entsprach.
Das offene Programm wurde dann von den Frauen vor Ort selbst gestaltet – am „Open Mike“ sprachen sie über ihre Wünsche, nach denen dann verschiedene Themenworkshops angeboten wurden. Es gab Workshops zu Gesundheitsfragen (mit Aufklärung auch über einzelne Körperfunktionen und kostenlosem Bluttest), zur Landwirtschaft und zu Lohndifferenzen aber auch einen Theaterworkshop und einen, in dem Poster gemalt wurden. Zu jedem Workshop konnte jede Frauen kommen und gehen, wann sie wollte. Es herrschte eine offene Atmosphäre. Dazwischen wurde gemeinsam gesungen und getanzt.
Im Theater- und Posterworkshop lernten die Frauen, wie man beide Medien dafür einsetzen kann, in einer Gesellschaft mit weitgehendem Analphabetismus Aufklärung zu betreiben und Menschen zu motivieren oder zu überzeugen, sich gemeinsam für bestimmte Ziele einzusetzen. Heute würden wir sagen, sie lernten multimediales Campaigning. Am Abend wurden die Ergebnisse: kleine Theaterstücke und fertige Poster vorgeführt bzw. ausgestellt. Sie hatten die klassischen Frauenfragen zum Thema. Da die Teilnehmerinnen selbst weitgehend Analphabetinnen waren und auch verschiedenste Sprachen sprachen, war das ein sehr erfolgreiches Mittel, einen Sinn der Gemeinschaft zu schaffen.
Da tagsüber die Frauen in Gruppen arbeiteten, haben sie neben den Abenden auch den Beginn der Konferenztage gemeinsam gestaltet. Jeden Morgen zogen sie singend und tanzend durch die Dörfer – 600 Frauen, klopften an die Türen und luden weitere Frauen dazu ein, sich ihnen anzuschließen. Es war ein fröhliches und buntes Treiben, ausgelassenes Tanzen miteinander.
Ein Vater prangert die Vergewaltigung der Tochter an – 1000 Frauen bringen den Täter ins Gefängnis
Am zweiten Tag kam jedoch ein alter Mann auf die Bühne mit einem zwölfjährigen Mädchen. Weinend erzählte vor all den Frauen, dass seine kleine Tochter beim Ziegenhüten von einem Mann einer höheren Kaste vergewaltigt worden war. Die Frauen, die bisher über das Thema Vergewaltigung nicht reden konnten, wurden jetzt gemeinsam aufgerüttelt. Sie riefen: „Das ist nicht nur deine Tochter, das ist unser aller Tochter!“. Sie diskutierten heftig und aufgewühlt, was sie tun können und beschlossen, nach ihrem Singen und Tanzen nun einen Stille Protestzug zu veranstalten, der auf der zuständigen Polizeibehörde mit einem Sitzstreik enden sollte – so lange, bis der Täter verhaftet und hinter Schloss und Riegeln war.
Zwanzig Traktoren mit Anhängern wurden von ihren Besitzern kostenfrei zur Verfügung gestellt, um diese Hunderten von Frauen zur 13 km entfernten Polizeistation zu bringen, wo sie schweigend durch den Ort marschierten und von 14 bis 18 Uhr die ganze Gegend um die Polizeistation herum blockierten. Ihr Protest war erfolgreich, der Mann wurde verhaftet und die Frauen begaben sich mit dem Gefühl, gemeinsam einen Sieg errungen zu haben zurück nach Tilonia.
Dort stand der folgende dritte Konferenztag ganz im Zeichen dieses Ereignisses. Nachdem bisher kaum jemand zu dem Workshop gehen wollte, der das Massenphänomen Vergewaltigung thematisierte, diskutierten nun Hunderte von Frauen offen über den Umgang mit solchen Übergriffen. Sie beschlossen, das Schweigen künftig zu brechen und jeden Fall von Vergewaltigung gemeinsam anzuzeigen und zu ächten.
Frauenpower ist erfolgreich: Übergriffe auf Frauen gehen stark zurück
Nach diesem großen Frauentreffen, bildeten sich noch mehr Frauengruppen sich in den Dörfern. Heute sind allein in Rajasthan 70 Frauengruppen organisiert mit über 5000 Mitgliedern, die sich auch untereinander vernetzen. Seit 1985 sind die Vergewaltigungen rapide zurückgegangen. Wenn es doch zu Übergriffen kam, schlossen sich Frauen zusammen und banden den Täter an einen Baum, setzten ihn der öffentlichen Schande aus und sorgten für hohen sozialen Druck, der fortan die Fallzahlen verringerte. Jeden Monat gibt es immer noch ein Treffen von je 2 Frauenvertreterinnen aller 70 Frauengruppen in Tilonia, immer noch im Rotationsprinzip.
Der Internationale Frauentag – ein 10.000 Frauentreffen in einem einzigen Dorf
Außerdem gibt es seit 1989 an jedem internationalen Frauentag – dem 8. März – ein großes Frauentreffen in einem Dorf um Tilonia. Dort treffen sich jährlich 10.000 Frauen aus 150 Dörfern. Die Auswahl des Gastgeberdorfes erfolgt nach festen Kriterien, u.a. danach, ob aus dem Dorf weibliche Vertreter in die lokalen Parlamente gewählt worden sind. Diese großen Frauentreffen werden auch genutzt, um politischen Druck auszuüben.
Problemfelder werden rechtzeitig identifiziert und eine Woche vor dem Treffen vom barefoot college ein Forderungspapier an die örtlichen Behörden geschickt mit der Ankündigung, 10.000 Frauen zu öffentlichem Protest zu bewegen, wenn die genannten Forderungen nicht in einer Woche erfüllt werden. Jedes Jahr erfahren die Frauen auf diese Weise neu, welche Macht sie haben, wenn sie sich zusammenschließen und gemeinsam für ihre Interessen eintreten. Frauen in Indien und besonders im traditionell konservativen und weniger entwickelten Rajasthan haben noch einen langen Weg vor sich, bis zur Gleichberechtigung. Aber sie sind entscheidende Schritte bereits gegangen.
Diese Geschichten zur Frauenbewegung hat mir Ramkaran am sechsten Tag meines Aufenthalts im barefoot college erzählt. Ich habe mir auch Dokumentarfilm-Material im audio-visuellen Zentrum des Campus angeschaut, das sehr beeindruckend war. Unser Gespräch setzen wir in den nächsten Tagen fort – dann wird es um das Thema Regenwassergewinnung gehen, das auch in seinem Verantwortungsbereich liegt.
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Artikel Was würde Gandhi zum barefoot Ansatz sagen? Bunker Roy und ein Zeitzeuge im Interview
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