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Archive for the ‘Hintergrund’ Category

Eine kleine Präambel

Dieser Artikel wird einen Teil meines zehnten Tages beschreiben, vor allem aber gibt er einen umfassenden Einblick in die Grundprinzipien des demokratischen Lebens im barefoot college. Ich habe erstaunliche Dinge erfahren, gesehen und erlebt und so manche Lektion habe ich nach Hause genommen. Ich wollte diesen Artikel weder kürzen noch teilen, er ist daher etwas länger als die übrigen. 

Mein zehnter Tag beginnt ähnlich wie der neunte mit einer großen Überraschung, die einiges an Hektik mit sich bringt und alle Pläne über einen Haufen wirft. Ich erfahre, dass es nicht am folgenden Tag sondern schon am gleichen Abend nach Neu Delhi geht und ich dafür dann einen ganzen Tag in Neu Delhi verbringen kann. Ich wollte noch so viel machen im college! So viele Themen habe ich noch nicht bearbeitet, so viele Menschen noch nicht befragt, so viele Stellen nicht besucht. Ich wollte auch noch einmal zum Abschied zu den solar sisters, auch das ist nicht mehr zu schaffen. 

Vasu – ein Urgestein mit bewegter persönlicher Geschichte

Vasuji, konzentriert bei der Arbeit am Computer

Nach dem Frühstück interviewe ich erst einmal das Urgestein des barefoot college (davon gibt es eine Handvoll) – Vasu, der seit über 30 Jahren hier lebt und arbeitet und eigentlich Srinivasan heißt. Mit ihm rede ich über das barefoot college im Allgemeinen – über den Alltag, wie Demokratie dort funktioniert, welche Menschen dort leben. Einige Daten und Fakten schickt mir Vasu später noch per email hinterher. Wir reden auch über „Green Jobs“ die im Laufe der Jahrzehnte in und durch das barefoot college entstanden sind – darüber werde ich später einen separaten Text schreiben, das ist eine eigene Geschichte. In diesem Text soll die Rede sein von der Community selbst und wie ihr Zusammenleben funktioniert. Die Bilder illustrieren den campus und das Alltagsleben. 

Kinder in der Nightschool - Am Anfang des Unterrichts wird gesungen

Vasu kam 1975 ins barefoot college und blieb – mit zwei Unterbrechungen bis auf den heutigen Tag. Vasu atmet schwer – seit den 80er Jahren ist er schwer krank. Heute lebt er mit gerade einmal 10 Prozent aktiver Lunge, vor zwei Jahren hat man ihn aus einem Atemstillstand gerettet, nachdem er minutenlang praktisch tot war. Wie Bunker Roy hat er eine hervorragende Ausbildung genossen, war eigentlich für ihn eine illustre Karriere vorgezeichnet. Wie Bunker hat er sich für ein bescheidenes Leben und die Aufgabe entschieden, die Lebensbedingungen für die Landbevölkerung zu verbessern. Nach seinen ersten 7 Jahren im college folgte er dem Druck seiner Frau und zog fort. Einige Jahre später, die Ehe war gescheitert, kam er wieder. Seine Frau und die Tochter leben inzwischen in Südafrika.  (mehr …)

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Der Palast der Winde – rosafarbene Trutzburg aus dem Märchenland

Weitere Museen und Paläste vertrage ich an dem Tag nicht mehr – außerdem ist es inzwischen später Nachmittag und ich möchte noch ein wenig vom Gewimmel in der Stadt mitbekommen und natürlich einen Blick auf einen Markt werfen. Unterwegs dorthin halten wir jedoch noch am Palast der Winde an, der zwar auch rosafarben ist aber sonst in seiner Architektur völlig anders als alles Übrige in der Stadt.

Fassade des Palasts der Winde

In einem riesigen Halbrund drängen sich viele kleine Erker an-, über- und untereinander, ja sogar irgendwie übereinander, so dass die Fassade ein richtiges Gewimmel abbildet, das trotzdem Ruhe ausstrahlt.

Das ganze wirkt filigran durch die verschiedenartigen Fenstermuster aber dennoch auch wie eine Trutzburg, denn die Fensterdurchbrüche sind klein und lassen viel rosarote Mauer übrig.

Wir halten uns nur kurz auf, eine Bettlerin mit kleinem Kind bedrängt uns heftig. Ich habe im barefoot college und seiner Umgebung so etwas nicht erlebt und kann mit dem Anblick nicht umgehen. Ich habe nicht mal eine einzige Rupie, die ich ihr geben könnte – der Besuch eines Geldautomaten steht noch auf dem Plan, in meinem Portemonnaie gibt es nur Zwanzigeuro-Scheine. Die Frau hält mir den Säugling direkt vor das Gesicht und sagt dann immer „Foto Baby, Foto Baby“. Das ist sicher Ausdruck ihrer Not, für mich ist es trotzdem Kindesmissbrauch. Ich mag auch gar kein Foto davon machen. (mehr …)

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Eine junge Italienerin und ein 86 jähriger Journalist kommen ins Gespräch

Italienerin im Gespräch mit Ajit Bhattcharya

Gegen 20 Uhr begebe ich mich mit Bata in Arunas Büro, wo das Interview mit Ajit Bhattcharya stattfinden soll.

Dieser Mann ist 86 Jahre alt, klein von Statur aber mit lebendigen und wachen Augen ausgestattet. In Indien ist er eine Koryphäe in der Journalistik, war lange Herausgeber der Hindustan Times und kämpfte an der Seite von Aruna für die Verabschiedung des Gesetzes zur Informationsfreiheit.

Eine junge Italienerin und ihre Eltern wollen mit ihm ein Interview aufnehmen, in dessen Mittelpunkt seine Erfahrungen mit Gandhi stehen sollen. Auch Bata wird das Gespräch aufzeichnen, so dass gleich zwei Kameras auf den betagten Herrn gerichtet sind.

Ajit Bhattcharya und ein Bild von Courbet

Er sitzt auf einem Bett, hinter ihm ein Bild von Courbet, auf dem ein Männerkopf mit geradezu stechendem Blick abgebildet ist, und einen eigenwilligen Kontrast zu dem sanftmütigen Greis bildet.

Als Ajit Bhattcharya im Vorgespräch hört, dass er auch einen Zusammenhang zwischen Leben und Denken von Gandhi zum barefoot college herstellen soll, besteht er darauf, dass Bunker dazu geholt wird und so sitzen bald beide Männer auf dem Bett und es kann los gehen.

Es war sehr spannend den Geschichten über Aufruhr im Land zuzuhören, die Ajit Bhattcharya über die vierziger Jahre erzählt – da, wo er Gandhi das erste Mal direkt und persönlich erlebt hat. Einen Teil des Gesprächs habe ich aufgezeichnet (als dritte Kamera im Raum). Wenn ich wieder in Deutschland bin, und an einem schnellen Netz hänge, werde ich es über einen YouTube Link im Blog verlinken. (mehr …)

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Am siebten Tag: Der erste Regen!

Am morgen des siebten Tages wache ich nach meinen obligatorischen 10 Stunden Schlaf auf und höre ein Geräusch. Ich denke spontan – oh, es regnet, aber muss mich gleich selbst auslachen, wie ich auf so eine dumme Idee kommen konnte. Hier und Regen – jetzt! So ein Unsinn. Ich bin mir meiner Sache so sicher, dass ich nicht einmal rausschaue.

Regen in Tilonia

Als ich eine halbe Stunde später mein Zimmer verlasse, habe ich diesen ersten Gedanken am Morgen längst vergessen und so trifft mich fast der Schlag, als ich auf der kleinen Terasse schräg vor meiner Tür kleine Pfützen entdecke, in denen Regentropfen kleine Ringlein machen. Mein Blick wandert himmelwärts: tatsächlich – alles grau, draußen – alles grau, der Boden feucht und dunkel, ab und an huscht schnell ein mehrfach in Tücher vermummter Mensch vorbei. Es regnet wirklich! Es ist mehr ein kräftiger Niesel als ein Regen. Auf dem Erdboden reicht es gerade, den Staub zu binden. Dort entstehen nirgendwo Pfützen oder Rinnsale aber es ist kühl und feucht. Die Luft ist klamm, so völlig anders als in den bisherigen Tagen.

Ich frage später, ob es nicht ungewöhnlich ist, jetzt Regen zu haben, aber ich erfahre, dass es noch eine Winterregenzeit gibt, die Anfang Dezember anfängt – nur bisher war der Regen ausgeblieben. Dies ist der erste Regen. Die Regenwassertanks wird er auch nicht füllen.

Fladenbrot und Tee zum Frühstück

Diesmal frühstückt niemand auf den Steinbänken im Freien, wo sonst alle die Morgensonne genossen haben. Es ist geradezu voll in der Messe beim Frühstück. Dort sehe ich zwei Europäer und will sie schon ansprechen, als sie aufstehen und gehen. Mein Frühstück ist besonders lecker. Ich hatte am Vortag auf Nachfrage Bunker Roy erzählt, dass mir das Essen sehr gut schmeckt, auch das Fladenbrot, dass das Brot am Neujahrstag aber besonders lecker gewesen sei, es hätte irgendeine Füllung gehabt mit verschiedenen Gewürzen. Daraufhin meint Bunker, ich solle es doch dann  jeden Tag essen und ich kann ihn nicht davon abhalten, die Küche anzurufen und meinen Sonderwunsch durchzugeben. Seit dem bekomme ich morgens immer Extrabrot, das ist mir etwas peinlich den anderen gegenüber aber es schmeckt dennoch köstlich. (mehr …)

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„Bunker Roy gegen den Staat Rajasthan“ –ein Urteil des Obersten Gerichts zündet die Frauenbewegung

Die nachfolgende Geschichte der Frauenbewegung von Rajasthan hat mir Ramkaran erzählt (siehe dazu auch den vorhergehenden Blogbeitrag). Da ich keine historischen Fotos zur Verfügung habe, sind in diesem Beitrag Porträts von Frauen und Mädchen abgebildet, die zur Zeit im barefoot college oder seiner Umgebung leben und arbeiten – sie stehen jedoch in keinem direkten Zusammenhang zur beschriebenen Geschichte.

Zwei Solar-Heizungsbauerinnen im barefoot college

Frauengruppen entstanden 1981 in Rajasthan – durch einen Fall öffentlicher Diskriminierung von Frauen. In der Nähe von Tilonia wurden öffentliche Straßenarbeiten durchgeführt, bei denen 600 Menschen Arbeit hatten – 300 Frauen und 300 Männer. Die Männer bekamen 4 Rupien Stundenlohn, die Frauen nur 3 Rupien. Alle waren faktische Analphabeten und niemand wußte, dass es ein Gesetz über Mindestlohn gab, das sogar 7 Rupien Stundenlohn vorschrieb. Aber die Frauen sahen, was die Männer bekamen und was sie bekamen und waren entrüstet. Man begründete ihnen gegenüber die Ungleichbezahlung damit, dass sie schwächer wären als Männer und daher weniger schaffen würden. Die Frauen arbeiteten jedoch genauso effektiv wie die Männer und waren daher mit der Ausrede nicht zufriedengestellt. Eine Delegation von 10-15 Frauen machte sich auf den Weg in das nahe gelegene Tilonia, um dort Bunker und Aruna Roy von ihrem Fall zu erzählen. Die Annahme ihres Lohnes hatten sie bis dahin verweigert.

Von Aruna und Bunker Roy erfuhren sie dann erstmalig von ihrem Recht auf Mindestlohn von sogar 7 Rupien – mehr als das Doppelte dessen, was man ihnen bezahlen wollte. Noch am gleichen Abend versammelten sich die Frauen in Harmara, dem Arbeitsstandort – alle 300 Arbeiterinnen nahmen am Treffen teil. Gemeinsam beschlossen sie, die Annahme ihres Lohnes weiterhin zu verweigern und 7 Rupien Lohn zu fordern.

Sita, Solarkocher-Monteurin im barefoot college, auf dem Weg vom Alten in das Neue Campus

Für das Straßenbauprojekt waren zwei öffentliche Behörden zuständig – das Public Works Department auf Landesebene und die Abteilung für Dörfliche Entwicklung auf Distriktsebene. Das Barefoot College schrieb einen von den Frauen unterzeichneten Beschwerdebrief mit ihrer Forderung an diese Behörden – er blieb unbeantwortet. Zehn Tage danach reichte Bunker Roy im Namen der Frauen eine offizielle Beschwerde beim Obersten Gericht auf Bundesebene ein. Alle 300 Frauen hatten ihm Vertretungsrechte überschrieben, da sie ihre Familien für die Anhörungen in Neu Delhi nicht verlassen konnten. Der Fall wurde verhandelt als „Sanjit Roy versus State of Rajasthan“ (Sanjit Roy ist Bunker Roys eingetragener Name, Bunker ist sein Spitzname, den er heute praktisch ausschließlich verwendet).

Das Verfahren dauerte über 18 Monate, bis am 20. Januar 1985 das überraschende und wegweisende Urteil des Obersten Gerichtes gefällt wurde: Der Staat Rajasthan wurde dazu verurteilt, an alle 300 Frauen den Mindestlohn von 7 Rupien die Stunde nachzuzahlen. Dieses Urteil sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Die Frauen erlebten zum ersten Mal, dass es Sinn macht, sich zu wehren, dass sie gemeinsam sogar gegen die Verwaltung kämpfen und gewinnen können. (mehr …)

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Das barefoot college wird von unten gemanaged

Wieder habe ich zehn Stunden am Stück geschlafen, die Umgewöhnung nach der Rückkehr wird nicht leicht sein. Es gibt die obligatorischen Fladenbrote zum Frühstück bevor ich zu Bunker Roy ins office gehe. Bunkers Büro ist am Rand des barefoot colleges, nahe bei seinem Wohnhaus. Auch hier wird ebenerdig gesessen bei der Arbeit, auf flachen Kissen mit ein oder zwei Nackenrollen im Rücken. Die Sitzweise ist exemplarisch, hier wird kein hierarchischer Abstand gepflegt, ohnehin wird das barefoot college vorwiegend von der community selbst gesteuert.

das Büro von Bunker Roy

Bata kommt auch in Bunkers Büro und zeigt mir einige historische schwarz weiß Fotos aus dem barefoot college, es sind wunderbare Bilder dabei, sie wirken wie vor 100 Jahren aufgenommen und sind doch erst 20 oder 30 Jahre alt. Ich sehe Jugendbilder von Aruna und Bunker, auch von Batas Eltern und anderen, die ihr halbes Leben schon in Tilonia verbracht haben. Einer von ihnen ist Ramkaran, seit er 14 Jahre alt ist, lebt und arbeitet er im barefoot college, seit über 30 Jahren. Bunker meldet mich telefonisch bei ihm an, er wird mein nächster Interviewpartner und soll mir alles zum Thema Regenwassergewinnung erzählen.

Ramkaran in seinem Büro - zuständig für Womens Issues und Rainwater Forresting

Ramkaran hat sein Büro direkt hinter dem Telefon-Iglu, es ist klein und bietet neben seinem Arbeitsplatz nur noch Raum für viele Akten.

An den Wänden hängen Poster mit Fotos von Frauentreffen der vergangenen Jahre. Er ist nicht nur für das Thema Regenwassergewinnung zuständig sondern auch für das Women Development Program. Seine beiden anwesenden Mitarbeiter werden mir vorgestellt – Rami kümmert sich vor allem um die Frauengruppen, Naru um Aufgaben, die mit dem National Rural Employment Guarantee Act zusammenhängen.

Naru im Büro von Ramkaran, zuständig für Umsetzung des Nationalen Gesetzes zum Recht auf Arbeit für die Landbevölkerung

Wir unterhalten uns eine Stunde über Frauenrechte, Arbeiterbewegung und das Gesetz zur Informationsfreiheit, -bis zur Gewinnung von Regenwasser kommen wir nicht.

Wir beschließen das Gespräch in 3 Tagen fortzusetzen, da Ramkaran die kommenden beiden Tagen auswärts ist. Unterbrechen wollte ich nicht, dafür war es viel zu spannend.

Zwei Gesetze bringen neue Chancen für die Landbevölkerung

Vor 30 Jahren stieg in ganz Indien die Landarmut. Es gab Mißernten und Bauernfamilien hungerten. Wie in solchen Situationen häufig, kam es zur Landflucht und viele Bauern siedelten in die Großstädte, wo sie in Elendsquartieren hausten, die ständig größer wurden. Das Problem nahm überhand und der Unwillen des Volkes wuchs im ganzen Land. Es entwickelte sich eine Graswurzelbewegung, die schließlich nicht nur auf der Distriktebene sondern auch auf Landes- und Bundesebene aktiv war. Die Bewegung wurde getrieben und unterstützt von Organisationen wie der von Aruna Roy gegründeten Workers and Farmers Association und dem von Bunker Roy gegründeten barefoot college.

Es dauerte jedoch mehr als 20 Jahre Auseinandersetzung, Forderung und Kampf, bis endlich, 2005, ein bahnbrechendes Gesetz auf Bundesebene verabschiedet wurde. Es verschafft jeder Familie im ländlichen Raum im gesamten Bundesgebiet das Recht auf 100 Tage nach Mindestlohn bezahlter Arbeit (100 Rupien je Tag, 10.000 Rupien im Jahr). Diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind von der öffentlichen Hand zu organisieren, sie dürfen keine Qualifikationen erfordern und bei Entfernungen über 5 km vom Wohnort der Freiwilligen müssen kostenfreie Transportmöglichkeiten bestehen. Damit war allen von Landwirtschaft und Kleinhandwerk abhängigen Familien in schlechten Zeiten eine Überlebensmöglichkeit geschaffen, ohne ihre Heimat verlassen zu müssen.

Rami im Büro von Ramkaran, zuständig für Womens Issues

Gleichzeitig war es eine enorme Chance für Frauen, eigenes Geld zu verdienen.

In der Gegend um Tilonia werden 80-90% dieser Arbeitsplätze von Frauen genutzt, im übrigen Gebiet von Rajasthan sind es ca. 75%. Das liegt gerade an der gesetzlichen Pflicht, diese Maßnahmen zur  Arbeitsbeschaffung in der Nähe der Wohnorte anzusiedeln oder sicheren Transport bereitzustellen. Durch ihre doppelte Verantwortung für Haushalt und Kinder, sind Frauen weniger mobil als Männer, die auch weiter entfernte Arbeitsplätze in Anspruch nehmen können. Da je Familie immer nur eine Person diese 100 Tage in Anspruch nehmen kann, ist das Gesetz eine umfassende Aktion zur Förderung von Erwerbstätigkeit von Frauen und damit insbesondere der Gesundheit in der Familie und der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern.

Zwei Gesetze verbessern seit 2005 die Lage der Landbevölkerung in Indien

Ein zweites Gesetz mit sehr großer Auswirkung auf das ganze Land wurde ebenfalls 2005 auf Bundesebene verabschiedet: das Gesetz über das Recht auf Information. Auf Bundesebene wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Millionen Rupien in die dörfliche Entwicklung investiert – aber sie wurden immer erst den einzelnen Bundesstaaten zugeordnet, dann den Distrikten und von dort den einzelnen Dörfern. Bei jeder einzelnen Station wurde das Geld erheblich weniger, förderte Korruption ihren Tribut, versickerten Investitions- und Hilfsbudgets in undurchsichtigen Kanälen. Dort wo man das Geld brauchte, kam nur noch wenig an, wo der Rest blieb, ließ sich nicht herausfinden.

Insbesondere Aruna Roy hatte es sich daher mit ihrer Organisation zur Aufgabe gemacht, für ein landesweites Transparenzgesetz zu kämpfen. Auch dieser Kampf dauerte mehr als zwei Jahrzehnte und wurde gewonnen. In Anhörungen vertrat Bunker Roy das barefoot college, in dem bereits über 20 Jahre alle Finanzströme offengelegt werden und wo in der Community über die Mittelverwendung gemeinsam entschieden wird. Bunker Roy nahm die Bücher der letzten zehn Jahre mit und zeigte allen Zweiflern an der Machbarkeit, dass ein Social Audit möglich ist, Dorfgemeinschaften verantwortungsvoll über Mittel entscheiden können und dass Transparenz der Sache dient. Jede Rupie, die an das barefoot college floss, egal aus welcher Quelle, wurde nachweislich zweckbestimmt ausgegeben. Damit war dem Hauptargument der Reformgegner die Basis entzogen.

Seit in Krafttreten des Gesetzes vor nunmehr fünf Jahren wird in Indien Geld anders ausgegeben, ist die Korruption enorm zurückgegangen und kommen mehr Mittel als bisher dort an, wo sie auch benötigt werden. Der Bedarf ist jedoch enorm und der Filz ist immer noch groß. Seit seiner ersten Stunde wird das Gesetz von seinen Feinden bekämpft, versuchen sie, seine Aufhebung zu erwirken. Ramkaran schildet lebhaft, dass sie immer wieder deutlich machen müssen, dass es im ganzen Land einen Aufstand mit Generalstreik geben wird, sollte es je dazu kommen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass es im Ernstfall genau so kommen würde.

passende Leseempfehlungen:

Artikel Frauenpower in Rajasthan. Eine mächtige Frauenbewegung entsteht – von unten

Artikel Was würde Gandhi zum Barefoot Ansatz sagen? Interview mit Bunker Roy und einem Zeitzeugen

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Aruna – eine der 1000 Women of Peace

Gegen 18 Uhr sind wir wieder bei Aruna eingeladen. Diesmal sind wir im Haus. Es ist wunderschön eingerichtet, mit traditionellem Kunsthandwerk, bestickten Vorhängen, Stühlen made in Tilonia – mit bestickten Ledersitzen sowie sehr vielen Büchern. Aruna erzählt mir von ihrer Kindheit, vom kosmopolitischen Geist ihres Vaters, der so wie sie zwar Inder mit Leib und Seele ist, dem jedoch trotzdem keine Kultur fremd war. Er reiste viel um die Welt (damals ein wesentlich umständlicheres Unterfangen als heutzutage) und sprach mehrere Sprachen.

Aruna Roy in ihrem Garten

Im Elternhaus von Aruna spielte man Bach, Chopin und Tschaikowski genauso wie klassische indische Musik oder Musik anderer Völker. Sie erzählt auch von ihrer Mutter, die ihr früh beibrachte, dass sie unbedingt immer arbeiten soll und ihr eigenes Geld verdienen aber auch alles lernen soll, was man so im Haushalt können muss. Beide Eltern haben ihren Einfluss hinterlassen. Aruna Roy ist eine bemerkenswerte Frau, voll Wärme und Charme aber auch hoch gebildet, rhetorisch begabt, von starkem Willen und von der Leidenschaft beseelt, die Situation der Arbeiter und Bauern – insbesondere aber die der Frauen in Indien zu verbessern. Sie gründete eine der Organisationen, die später erfolgreich das Recht auf Information im Staat Rajasthan durchsetzten und war eine der „1000 Peace Women“ die für den Friedensnobelpreis nominiert waren und hat für ihr Engagement viel Anerkennung erhalten. Wer sich für das spannende Leben von Aruna Roy interessiert kann in einer Biograpie  mehr darüber lesen oder bei Wikipedia  . Für sie typisch ist ein Satz, der im Wohnzimmer auf einem Schrank steht „you have to know the rules so to break them properly“. Kein Wunder, dass Bunker sie einen David nennt, der es auch mit den Goliaths erfolgreich aufnimmt.

Bunker Roy, Gründer des Barefoot College

Etwas später kommt ihr Mann, Bunker Roy, von einem Tag in Jaipur zurück. Aruna hat viele Jahre im barefoot college gemeinsam mit Bunker gearbeitet. Seit 1983 ist sie jedoch beruflich in eigener Initiative unterwegs, was sie häufig in die Region führt. Ihr Leben spielt sich jedoch nach wie vor im college ab, sie kennt jeden, groß oder klein mit Namen und Geschichte. Beiden ist gemeinsam, dass weder Religion, noch Kasten noch Geschlecht für sie irgendeinen Grund für eine Unterschiedsbehandlung darstellen – wenn dann im Sinne der affirmative Action.

Bunker Roy ist dem barefoot college zwar seit der Gründung durch ihn selbst treu geblieben, aber gerade dieses konsistente Engagement treibt ihn ständig rund um den Globus.

Bunker Roy liest Newsweek - das Barefoot College ist Finalist im BBC World Challenge 2009

Mal ist er bei Konferenzen, internationalen Organisationen oder Unternehmen unterwegs, um für das barefoot college Unterstützung einzuwerben oder den erfolgreichen Ansatz der Dorfentwicklung durch Empowerment und Solartechnologie zu verbreiten, oder ist er in Entwicklungsländern unterwegs, um neue Kandidatinnen für die Ausbildung zur Solaringenieurin zu finden oder um laufende Projekte zu besichtigen.

Barefoot College Solar Engineers finden sich schon in über 20 der ärmsten afrikanischen Ländern, aber auch in Bolivien, Afghanistan oder Bhutan. Für seinen Einsatz wurde Bunker mit allen möglichen Auszeichnungen bedacht. Im September erhielt er in Hamburg auf der europäischen Solarenergiekonferenz den renommierten Robert Hill Preis. Trotzdem erscheint Bunker auch auf Galadinners bei solchen Konferenzen stehts in tradioneller indischer Kleidung, er spricht direkt und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Er rechnet auch Unternehmern und Politikern vor, dass die Ausbildung einer Solaringenieurin weniger kostet als eine Woche UN Engagement in Afghanistan. Er spricht mit Ironie, meint aber doch seine Sache immer sehr ernst, z.B. wenn er im Scherz sagt, die Köpfe der Puppen im barefoot college seien aus Altpapier, nämlich aus Worldbank Reports hergestellt worden.

Sein Vorbild ist Gandhi, den er gern und häufig zitiert mit folgendem Satz:  “First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win.”

Mehr über Bunker erfährt man weniger auf Wikipedia (die Seite ist spärlich und enthält einige falsche Daten u.a. die vermeintliche Trennung von seiner Frau Aruna). Biographisches über Bunker Roy kann man bei Community Hero lesen, sein Denken versteht man besser, wenn man einen Artikel von ihm über das Empowerment der Dörfer liest, den er für United Nations Chronicle schrieb. Empfehlenswert sind aber auch die verlinkten Videos auf diesem Blog (siehe rechter Seitenrand bei Links), insbesondere die dort verlinkte Rede.

Als im übrigen von der vermeintlichen Trennung des Aktivistenpaar erzähle, gibt es herzliches Gelächter bei Tisch. Wieder was gelernt, Wikipedia ist auch keine Bibel.

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