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Archive for the ‘Sonnenschwestern’ Category

An meinem letzten Tag in Tilonia muss ich natürlich unbedingt noch einen Großeinkauf im Craft Shop erledigen.

im Ladeninneren

Ich rechne mit einer halben Stunde aber bin 1,5 Stunden damit beschäftigt – einen Großteil der Zeit nimmt allerdings schon das Schreiben der Quittungen und die Bezahlungsregelung in Anspruch.

Das Problem: ich habe keine Rupien und keine Dollars, nur noch Euro und eine Kreditkarte. Beides sind hier keine akzeptierten Zahlungsmittel. Am Ende lande ich bei Bunker Roy, der pragmatisch entscheidet, dass ich einen Teil mit Euro bezahle und den Rest auf Rechnung kaufen kann und das Geld später überweise. Jede Quittung wird langsam und ausführlich geschrieben, dazu mein Name und eine Telefonnummer, die Adresse – für alle Fälle. Dann werden alle Quittungen noch einmal neu geschrieben, weil ein Teil meiner Einkäufe per Paket hinterhergeschickt wird. Das Porto festzustellen, ist nicht so einfach – aber wichtig, denn davon hängt auch ab, wieviel Gepäck ich mir bei der Reise zumute.

Kissen…Kissen…Kissen

drei Kissen - das rote in der Mitte gibt es jetzt auch bei mir zuhause

Waren werden gewogen, ein Assistent wandert zur Poststelle, kommt nach einer gefühlten Ewigkeit zurück mit einer Tabelle voller kleiner Zahlen – Gewichten und Versandarten und all ihren möglichen Kombinationen. Der Shop-Buchhalter muss viel rechnen – der Gegenwert der Euros in Rupien und die Restsumme erst in Rupien und dann wiederum in Euro– ich stehe daneben und sitze innerlich auf Kohlen.

drei Tierkissen - farbenfrohe Applikationen mit Stickerei

Nebenbei denke ich darüber nach, wie ich meine Einkäufe nach Deutschland bekomme – ich möchte so viel wie möglich mitnehmen, aber das wird eine logistische Herausforderung. Am Ende lasse ich nur eine dünne Steppdecke für den Versand, der Rest wird irgendwie verstaut. Vor dem Bezahlen kam jedoch die Qual der Wahl. Es ist furchtbar schwer, sich zwischen all den schönen Kunsthandwerken zu entscheiden, vor allem, wenn man auf Stickereien steht. Ich habe immer wieder Kissen nebeneinander auf die Erde gelegt (siehe die Bilder weiter oben).

Immer wieder stehe ich vor Entscheidungen, wie diese: soll ich diese Kissen nehmen, nur in Blautönen:

drei blaue Kissen - in typischer Tilonia Ornamentik (Applikationen)

Oder doch lieber jene – gemischt mit rot und grün?

drei Kissen in gemischten Farben

Decken, Vorhänge und Wandbehänge habe ich immer wieder auf der Erde ausgebreitet, bewundert und überwiegend wieder zusammengefaltet und weggelegt, man kann nicht alles haben, was man schön findet. Ich überlege im Geist, wen ich alles in Deutschland beglücken kann mit tilonischen Mitbringseln und so entsteht langsam ein Stapel in der Ecke des Ladens mit wunderschönen Textilien.

Einfache Handwerkstechniken mit großer ästhetischer Wirkung

weiße Decke in Chirni-Applikationstechnik

Eine gigantisch große weisse Decke gehört zu den auserwählten Stücken. Sie besteht aus zwei Schichten Stoff, einer sehr transparenten unteren Schicht – einer Art feinstem Batist – und einer oberen Schicht aus dünner aber blickdichter Baumwolle. In der oberen Schicht wurde der Stoff eingeschlitzt, die Ränder der Schlitze nach innen gefaltet und anschließend mit der Hand festgenäht. So entsteht ein Muster aus mehr oder weniger transparenten Flächen – eine typische Technik in Rajasthan, genannt Chirni, die sehr graphisch und sehr edel wirkt. Meine Decke ziert inzwischen das Bett in Deutschland, sie ist so groß, dass sie auch bei einer Bettbreite von 1,60 Meter rechts und links bis auf den Boden hängt.

farbenprächtige Wandbehaenge - im Haathi Ghoda Stil

Die wunderschönen farbigen Exemplare mussten erst einmal in Tilonia bleiben. Ich konnte sie zwar endlos bewundern, aber in meine Wohnung passen sie dennoch nicht so gut hinein. Ich lief durch den Laden wie durch ein Kunsthandwerkmuseum. Ist die weiße Decke eher von graphischen Mustern bestimmt, so sind die farbigen Wandbehänge mit einer typischen Ikonographie gestaltet, in der immer wieder ähnliche Figuren auftauchen. Diese traditionellen Darstellungen nennt man Haathi-Ghoda. Sie enthalten Palmen, Menschen, Vögel, Katzen, Kamele und immer wieder Elefanten…alles stark stilisiert und fast ornamental gestaltet, aber sehr stark in der Wirkung.

Den Lebensbaum von Tilonia trifft man im barefoot college überall

Kissen und ein Wandbehang mit dem Lebensbaum-Motiv als Applikation

Das häufigste Motiv in Tilonia ist jedoch ein Lebensbaum. Das Design hat Batas Mutter entworfen – es findet sich auf Kissen und auf Wandbehängen und in verschiedenen Farbkombinationen. In der Variante „Großer Baum“ fliegen Vögel über der Baumkrone und versammeln sich Menschen und Tiere um seinen Stamm. Auffällig sind die großen Wurzeln – ganz untypisch für ein hiesiges Baumbild – sind sie offenbar Symbol für Verwurzelung auf der einen Seite und die Verbindung zur Mutter-Erde (und damit zum kostbaren Grundwasser) auf der anderen Seite. Es sind Versionen dieses großen Baum-Wandbehanges, die man an vielen Stellen im barefoot college findet, ja sogar in der Wohnung von Bunker Roy in New Delhi. Es ist gewissermaßen zum Wahrzeichen des barefoot college geworden.

bestickter Lederhocker und Steck-Stuhl mit verzierter Lehne aus Leder

Neben etlichen Kissenbezügen erwerbe ich auch zwei große und zwei kleine Klappstühle – genaugenommen Steckstühle, da sie sich mit einem leichten Handgriff in zwei Teile zerlegen und zusammenstecken lassen.  Dann sind diese urgemütlichen Lümmel-Sessel-Hocker nur noch ein kompaktes Paket von wenigen Zentimetern Dicke. Sehr praktisch – sowas kann ich gut brauchen. Das Grundmodell dieser Stühle stammt aus Saharanpur in Uttar Pradesh – in Tilonia wurde das Design vervollkommnet. Die Rückenlehnen der Tiloniavariante sind aus dickem Leder, das entweder nur mit Lederschnüren und kleinen Löchern verziert ist, oder sehr aufwändig mit Wollfäden bestickt. Beide Varianten sind äußerst haltbar und hinreißend schön. Einen Fernseher habe ich schon seit 10 Jahren nicht mehr, bei uns werden Filme auf DVD und damit am Laptop geschaut. Dafür gibt es im Wohnzimmer eine Lümmelecke – genau dort stehen jetzt die Tilonia Sessel, gemütlicher kann man kaum Filme sehen. Auf dem Bild ist auch ein Hocker – an ihm kann man die Wollstickerei gut erkennen.

Tota heißt Papagei – Das Symbol Indiens ist auch Helfer für den Gott der Lust und Liebe

Totaketten - in allen Längen und Farben - aber immer mit einem Glöckchen am Ende

Last but noch least, muss ich natürlich auch ein paar Totas mitnehmen – die hängen ebenfalls überall herum, an Feiertagen sogar in den Bäumen. Ich suche mir einige lange und kurze Totaketten aber auch kleine Totaanhänger, die ich später in Deutschland an meine Freunde verschenke. Totas sind symbolische Vögel – das Wort steht in Hindi für Papagei.

Kamadeva - Gott der Liebe und der Lust - mit Zuckerrohrbogen und Blütenpfeilen, begleitet vom Pagageien (=Tota)

Totas – Vogelsymbole – sind in der Kunst und im Kunsthandwerk Indiens sehr häufig, sie symbolisieren daher häufig das Land selbst. Der Papagei ist jedoch auch das Tier der Gottheit für Liebe und Verlangen – Kamadeva (Quelle: TOTA Design ).

Ähnlich unserem Liebesgott Amor wird Kamadeva als schöner Jüngling mit Pfeil und Bogen dargestellt, nur dass bei Kamadeva der Bogen aus Zuckerrohr besteht und die fünf Pfeile mit je einer Blüte geschmückt sind, darunter die Blüten von Jasmin, Mango und Lotus.

Betörender kann man wohl kaum einen Liebespfeil abschießen…

So vergingen also munter 1,5 Stunden im Kunsthandwerkladen des barefoot college und inzwischen erfreue ich mich täglich an diesen schönen Erinnerungen. An jenem Tag hatte ich jedoch keine Ruhe – die Uhrenzeiger rasten, ich musste unbedingt noch die deutsche Tonspur für den solarsister Film „Simple Heroes“ aufnehmen. Mohan – der Chef von Bata, war nach kurzer Suche ausfindig gemacht. Der hier eingefügte Film ist die englisch sprachige Version – die Tonspur hat Bunker Roy selbst gesprochen.

Ich hockte mich im Mediacenter auf die Teppiche, Mohan baute seine Aufnahmegerätschaften daneben auf und los ging es. Den ersten Paragraphen musste ich wiederholen –zwischendurch kam laut piepsend ein SMS von Bata, also noch mal von vorn.

Ich gab mir Mühe schön ruhig und langsam zu sprechen und reichlich Pausen einzubauen. Bata hatte mir eingeschärft, auf keinen Fall unter 10 Minuten zu reden, lieber länger als kürzer und ich hatte nur noch 15 Minuten Zeit bis zur Abfahrt des Autos, das uns in ein 1,5 Stunden entferntes Dorf bringen sollte. Ich hatte also nur einen Versuch, für Wiederholung war keine Zeit. Alles lief wunderbar, ich habe ca. 12 Minuten gesprochen, also genau wie von Bata gewünscht. Viel später erzählt mir Bunker, dass es eigentlich genau anders herum war – auf keinen Fall länger als 10 Minuten reden…, keine Ahnung, was jetzt aus meiner offensichtlich zu langen Tonspur wird.

Am Ende wird es doch hektisch, ich renne zurück zum Guesthaus, deponiere meine Einkäufe und mache mich auf den Weg. Vor mir liegt der letzte aber aufregendste Ausflug in Tilonia – ein Besuch bei der amtierenden Premierministerin der Rajasthanischen Nachtschulen, der zwölfjährigen Neraj. Ich habe sie erst auf der Ziegenweide, dann im Hof ihrer Eltern und anschließend in der Nachtschule begleiten dürfen. Das waren unvergeßliche Augenblicke, von denen hier noch berichtet werden wird.

Neraj (12 J.), Premierministerin des Nachtschulen-Kinderparlaments

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Community Radio fällt aus – dafür ein Spontanbesuch beim Puppenmacher

Der Morgen meines achten Tages im barefoot college ist neblig und es ist lausekalt. Auf meinem Plan steht für heute ein Besuch im Community Radio, ich soll dazu jemanden in der Puppenmacher Werkstatt treffen. Dieser jemand, so stellt sich später heraus, ist heute gar nicht da. Die Wartezeit habe ich jedoch sehr gut unterhalten damit verbracht, wieder dem Puppenmachen zuzuschauen – ich kann mich nicht satt sehen.

Maenner und Frauenpuppen bekommen Ohrringe

Diesmal liegen zwei Haufen Puppen vor dem Puppenmacher – ein Männerhaufen und ein Frauenhaufen. Nach und nach bekommen sie alle Ohrringe, auch die Männer.

Eine Puppe bekommt Ohrringe

Aus einer kleinen Schachtel werden sorgfältig verschiedene Ohrringe ausgesucht.

Alle sind nagelneu und noch an einem Stück Pappe befestigt.

Sie werden der Puppe angehalten und die am besten passenden ausgesucht.

Jede Puppe wird mit Sorgfalt verschönert.

von Charge Controllern und Deep Cycle Batteries – ich werde Synchronsprecherin

Bata erscheint in der Tür und ich werde wieder zu Bunker gerufen. In seinem Büro erfahre ich, dass ich die Tonspur des Films „The Rural Women Solar Engineers of Africa“ – zu den Solarsisters aus Afrika (von Bunker werden sie „simple heroes“ genannt) auf deutsch und spanisch übersetzen und auch einspielen soll. Der Film steht bisher in beiden Sprachen noch nicht zur Verfügung. Ich sage ihm die deutsche Übersetzung bis zum Mittag zu, aber beim Spanischen ziere ich mich. Ich bin ganz gut in Spanisch, aber nicht gut genug, um einen Text mit Spezialvokabeln in kurzer Zeit zu übersetzen und dann auch noch zu sprechen. Das wäre für einen einmal Vortrag noch zu vertreten, aber nicht bei einer Freischaltung für die ganze Welt. Da ist mein Perfektionsanspruch dagegen. (mehr …)

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Ein Schwabe ist Stammgast im barefoot college

Ich bin noch im Audiovisuell Center und schaue die letzten Minuten des Films über das Frauentreffen von 1985, da werde ich zu Bunker ins Büro gerufen. Dort sitzen die beiden Europäer, die ich morgens beim Frühstück in der Messe gesehen hatte. Sie werden mir als Heike und Wolfgang aus Deutschland – genauer aus Schwaben – vorgestellt. Wolfgang Scheffler ist Entwickler des Scheffler-Solarcooker – genau des Apparates, den die Solarcooker-Monteurinnen im Alten Campus zusammenbauen. Wolfgang hat ihn entwickelt, die Frauen ausgebildet und kommt seit Jahren immer wieder ins barefoot college, um nach dem Rechten zu sehen.

Wolfgang und Heike werden warm empfangen

Bunker bittet mich, die beiden bei ihren Besuchen im Campus zu begleiten. Da die beiden auch noch einigermaßen Hindi sprechen, verspreche ich mir davon detailliertere Einblicke in die Arbeit der Frauen auf dem Campus. Es ist immer noch kühl und nieselt, ich wickele mich auch in zwei Tücher – eins ist eine Leihgabe von Bata und hält allein durch seine Größe alle Arten Wetterunbill etwas von mir ab. Gemeinsam laufen wir – Heike, Wolfgang und ich – über den Ackerweg zum alten Campus, um die Solarkocher-Monteurinnen zu besuchen.

Wolfgang Scheffler beim Smalltalk mit den Solarkochermonteurinnen

Als wir dort ankommen sitzen alle gerade um ein kleines Feuer versammelt und wärmen sich. Sita und ihre Kollegen springen sofort auf, Wolfgang ist hier offensichtlich ein sehr gern gesehener Gast. Wir nehmen die Einladung ans Feuer sehr gern an und wärmen uns auch eine Weile auf. Heike und Wolfgang betreiben Smalltalk auf Hindi. (mehr …)

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Festkleidung in 9 Schichten

Wir essen früh zu Abend – um 20 Uhr sollen die Lagerfeuer entzündet werden. Draußen im Garten trudeln die ersten Gäste ein. Ich verschwinde noch einmal kurz, um mich umzuziehen. Die Nacht ist mondhell und sternenklar – aber lausekalt. Es empfiehlt sich eine Schichtbekleidung. 

in 9 Schichten Festkleidung mit Aruna - nachts ist es kalt in der Halbwüste Rajasthans

Also ziehe ich Lage über Lage an, über Strumpfhosen und Jeans kommt eine neue blaue Hose aus dem college shop, über die Pullover und warmen Unterhemden kommt ein zweischichtiges Oberteil, ebenfalls eine Neuerwerbung. Eine Totakette wird um den Hals gehängt und an jeden Ohrring ein Tota-Vögelchen montiert, dann noch einen Schal und das obligatorische Tuch umgeworfen (das blaue, das mir Bunker Roy von seiner Afrikareise mitgebracht hatte) und fertig bin ich – festlich gekleidet in 9 Schichten. Schlank macht das nicht gerade, aber darauf kommt es hier auch nicht an. 

Die Madonna von Tilonia

Um 20 Uhr ist der Festplatz voller Menschen, es wird geschnattert und gelacht und auf das Feuer gewartet. Unter den wartenden sehe ich eine Frau mit zwei Kindern, für mich fortan die Madonna von Tilonia. Das Bild spricht für sich selbst. Diese Mutter ist eine der Night School Drop Outs, die ich auch beim Herstellen von Kalendern fotographiert habe. Ihr Blick ist magisch. Dieses Bild mußte ich auch einfach größer hier abbilden, auch wenn das Laden dann länger dauert. 

die Madonna von Tilonia

Die Feuer brennen – Happy, happy Solar Engineer

Das Anzünden der vier Lagerfeuer ist schon der erste Höhepunkt, der von Raunen und Begeisterung begleitet wird. Am Feuer ist es warm und heimelich. Die nächsten vier Stunden vergehen im Fluge. Ein Mitarbeiter des Communicationsteams übernimmt die Rolle des Conferenciers.Nacheinander kommen alle Teams zum Einsatz, um sich vorzustellen, etwas zu singen oder zu tanzen. Natürlich gibt es auch das „Solar-Team“ – die Frauen aus Afrika, die länderweise auftreten. Einige von ihnen haben Lieder gedichtet für diesen Abend, so erklingt „Happy happy solar engineer, happy happy India, thanks to the sun for rising, happy happy solar engineer“.

die Solar Sisters aus Afrika feiern mit

Viele der Afrikanerinnen bedanken sich überschwänglich, sie rufen “India atcha! India atcha!“ (Indien ist gut), sie erzählen, dass man sie vor der Reise warnte, es sei gefährlich in Indien. 

Afrikanische Solar Ingenieurinnen beim Sylvesterfest

Sie erzählen, dass sie dankbar und glücklich sind, sehr viel lernen und dass die Menschen in Indien gut und freundlich sind. Sie danken der indischen Regierung für die Co-finanzierung und Bunker als Leiter des barefoot colleges, sie danken allen, die im college leben und sie dabei unterstützen, hier eine Qualifikation zu erwerben, die nicht nur ihr Leben sondern auch das Leben aller ihrer Dorfmitbewohner verändern wird. Sie jubeln sich gegenseitig bei ihren Auftritten zu. 

Auch die Solarkocher-Monteurinnen haben einen Auftritt. In dem indisch-sprachigen Lied verstehe ich immer wieder die Wörter „solar cooker“. Aruna übersetzt mir grob den Inhalt. Auch in diesem Lied geht es darum, der Sonne dafür zu danken, dass sie für ihre Energie quasi kostenfrei zur Verfügung stellt. 

Eine Riesin tanzt in der Sylvesternacht

Einen weiteren Höhepunkt stellt die Vorführung der Puppenspieler dar, die mit einer Riesenfrau einen Tanz spielen. 

Das Puppenspielerteam fasziniert mit einer tanzenden Riesin

Kurz vor Mitternacht schlagen die Trommeln, es wird im Kreis getanzt und bald tanzt ein Mann mit einem gelähmten Bein und seinem über 2 meter langen Gehstock ausgelassen in der Mitte. 

Mann mit Stock beim Neujahrstanz

Er hatte schon vorher ein Solo getanzt und mich dabei ebenso beeindruckt wie ein taubstummer Mann, der in perfektem Rhythmus zur Trommelmusik tanzte und mich schon fast an Michael Jackson erinnerte. Es gibt viele Menschen mit physischen Handicaps im barefoot college. Sie sind Teil der Gemeinschaft wie alle anderen, fröhlich und selbstbewußt, von allen respektiert und gehen ihrer Arbeit nach wie jeder andere auch. 

Sylvester endet ohne Alkohol  und Böller – das neue Jahr beginnt mit Mondfinsternis

Um Mitternacht wünscht Aruna allen ein Frohes Neues Jahr und lädt zur traditionellen Neujahrssüßigkeit ein. Jeder beglückwünscht jeden. Alkohol fließt keiner, auch andere Getränke gibt es nicht zum Anstoßen. Zwischendurch gab es Milchtee zum Aufwärmen. Hier knallen keine Böller durch die Nacht und hier ist die Feier auch mit dem Beginn des Neuen Jahres vorbei. Die Musikanlage wird um 00:10 abgebaut, die Lichterketten auch, schon eine Viertelstunde nach Mitternacht ist der Festplatz fast menschenleer. Eine Handvoll räumt noch auf und ein paar Teammitglieder von Aruna Roy versammeln sich um die runde Feuerstelle.

Neujahrsmond

Wir schauen alle ständig zum Mond. Es ist eine Vollmondnacht und jemand hat erzählt, dass es gleich eine partielle Mondfinsternis geben soll. Als sich herausstellt, dass sie erst um 1:25 beginnt und auch nur schlecht zu sehen sein soll in Indien, ziehe ich mich zurück. Ich bin totmüde, obwohl es in Deutschland ja erst 20:30 Uhr war. So schnell kann man sich umgewöhnen. Aruna hat mir auch noch 2 Extrabettdecken besorgt, so schlafe ich zum ersten Mal ohne Socken und Pullover und habe es mollig warm. Das neue Jahr kann kommen.

Happy New Year 2010!

 Leseempfehlungen

Artikel Vorbereitungen für das Neujahrsfest 31.12.2009

Artikel Neujahrsfest für die Kinder – 01.01.2010

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Sita Bai – die singende Solarkocher-Monteurin

Wir steigen wieder in den Jeep, der uns in das neue Campus zurück bringt. Dort zeigt mir Bata die Werkstatt für Solarkochgeräte. Am Eingang der Werkstatt treffen wir auf zwei junge Frauen, eine davon steht in einem tiefen Loch, dass sie mit einer Hackschaufel tiefer gräbt.

schwere Arbeit im Erdloch

Daneben, im roten Sari steht Sita Bai. Als Bata sie mir vorstellen will, braucht sie nicht viel erzählen. Ich habe Sita längst an ihrem Lächeln wieder erkannt. Den Film über die singende Solarkocher Monteurin Sita Bai habe ich mehrfach gesehen – er ist auch hier im Blog (rechts unten bei den Links zum Barefoot College) verlinkt. Bata erzählt, dass ich Sita aus dem Film kenne und beide freuen sich – die Protagonistin des Films und die Dokumentarfilmerin.

Sita Bai am selbstgebauten Solarkocher

Sita erklärt mir die Funktionsweise der Solarkocher. Eine Große Parabole ist mit kleinen rechteckigen Spiegeln bestückt – jedes einzeln mit einfachem Draht befestigt.

Befestigung der Spiegel am Solarkocher (Rückwand)

Diese Solarschüssel wird dann zu den Sonnenstrahlen so ausgerichtet, dass diese gebündelt auf die Kochstelle fallen. Dort entsteht so viel Hitze, dass 1 Liter Wasser in 8 Minuten kocht.

Ausrichtung des Solarkochers

Die meisten der zu Solarkochermonteurinnen ausgebildeten Frauen können kaum oder gar nicht lesen und schreiben. In der Werkstatt gibt es jedoch riesige Bauzeichnungen auf dem Boden, nach dem die Solarkocher von ihnen gebaut werden.

Bauzeichnungen für den Solarkocher

Ein Kocher reicht, um für eine 8-köpfige Familie mit Sonnenenergie zu kochen. In Tilonia wird für die große Gruppe der Bewohner gemeinsam gekocht, da ist ein Gasherd doch praktischer. Die Solarkocher werden jedoch auch für den Verkauf hergestellt.

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Was ist ein Charge Controller?

Zur Zeit (schon seit September) sind Frauen aus 6 afrikanischen Ländern da. Einige sprechen französisch, andere etwas englisch, manche nur ihre Stammessprachen. Trotzdem funktioniert die Kompetenzvermittlung offenbar hervorragend. Rahamatu aus dem Niger erklärt mir stolz die Bestandteile und Funktionsweise verschiedener Solarbauteile.

Rahamatu aus dem Niger erklärt den Charge Controller

Sie ist nur etwas enttäuscht, dass ich den Namen des nigrischen Präsidenten noch nie gehört habe aber das wird verziehen und sofort ist ihr strahlendes Lächeln wieder da. Sie erzählt, dass sie mit einer anderen Frau aus dem Niger die ersten aus ihrem Land sind, die in Tilonia lernen können. Sie erzählt auch, dass sie dem barefoot college unendlich viel verdankt. Jeden kleinen Transistor, jeden Widerstand und jede LED kann sie genau beschreiben. Sie zeigt uns die unterschiedlichen Leiterplatten für Charge Controller, einfache Solarlampen und kompliziertere tragbare Solarlampen. Auf einem Tisch liegen alle Bauteile übersichtlich nebeneinander, dahinter die Solarpanele.

das wird alles in den Solarwerkstätten hergestellt

Ich lerne, dass die angehenden Solaringenieurinnen alles was sie für die spätere Solarelektrifizierung ihres Dorfes brauchen, hier schon in Tilonia selbst herstellen. Sie haben den Bauplan jedes Teils genau im Kopf und sind so in der Lage, alle Reparaturen kompetent durchzuführen. Die leuchtenden Augen von Rahamatu vergesse ich bestimmt mein Lebtag nicht.

Rahamatu, Sonnenschwester aus Niger

Die Ausbildung erfolgt überwiegend durch Learning by Doing. Drei Frauen und ein Mann aus dem barefoot college sind Instrukteure. Die meisten der Frauen sind entweder ganz oder weitgehend Analphabetinnen. Ein Großteil der Anleitung erfolgt über Farbcodes, die Instrukteurin kennt die Grundfarben schon in den verschiedensten afrikanischen Sprachen.

die Instrukteurin für Solar-elektrotechnik

An den Wänden hängen Plakate. Auf einigen stehen die Namen, Dörfer und Herkunftsregionen der Teilnehmerinnen, auf anderen sind die Baupläne gezeichnet oder Farbcodes in verschiedenen Sprachen aufgeschrieben. An einer Tafel steht die Aufgabe für heute: „Bau eines charge controllers“. Ein Charge Controller ist ein Bauteil, das im Solarkreislauf für die Steuerung benötigt wird. Es regelt die Stromaufnahme und –abgabe, „ohne Charge Controller geht gar nichts“ („rien ne marche pas!“) – so die Nigerianerin in resolut vorgebrachtem Französisch.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch bei den Solar Sisters. Die gute Laune in der Werkstatt ist ansteckend.

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Im September 2009 traf ich auf dem Global Economic Symposium den Gründer und Leiter der Barefoot Colleges in Indien, Bunker Roy. Diese Begegnung hat mich sehr stark beeindruckt. Bunker Roy erschien mir wie ein neuer Mahatma Gandhi (der tatsächlich sein großes Vorbild ist). Seine ungewöhnliche Ruhe und Gelassenheit verbindet sich mit einer Radikalität der Gedanken und einer präzisen Rethorik. Er kennt offenbar keine Furcht davor, Konventionen oder diplomatische Normen zu verletzen und Mißstände brilliant aber scharf zu benennen. Seine Überzeugungen vertritt er mit Verve jedoch immer ohne Aggression und mit Sätzen, aus denen eine tiefe Weisheit spricht. Das Leuchten seiner Augen und die markant aufrechte Haltung sind Spiegelbild seines geradlinigen Auftretens, das keine Kompromisse kennt.

Bunker Roy stammt aus einer wohlhabenden Familie, besuchte  renommierte indische Eliteschulen, in denen die Reichen  unter sich blieben. Als junger Mann reiste er jedoch einmal auf das Land, in die Gegend von Jaipur, um eine zeitlang dort zu arbeiten – bei den Ärmsten der Armen. Diese Zeit sollte sein Leben verändern. Der Traum seiner Eltern zerplatzte, der begabte Sohn verweigerte sich einer bourgoisen Karriere in der indischen Führungselite.

Von da an und inzwischen seit fast 40 Jahren widmet er sein Leben der Aufgabe, Armut in ländlichen Gegenden Indiens dauerhaft zu bekämpfen. 1972 gründete er das Barefoot College in Tilonia in Rajasthan. Im Barefoot College werden die Ärmsten ausgebildet. Analphabetinnen und Analphabeten, die weniger als einen Dollar am Tag  zum Leben haben. Bunker Roy begegnet ihnen mit Respekt und Anerkennung. Viele von ihnen können zwar nicht lesen und schreiben aber sind hervorragende Handwerker in vielfältigen Fachrichtungen.

In den Barefoot Colleges wird nach grundsätzlichen Prämissen ausgebildet:

  • die fachliche Professionalität der ländlichen Bewohner wird anerkannt und weitervermittelt (von den jeweils besten)
  • Probleme in der Community lassen sich nur in der Community und durch die Community selbst lösen
  • modernste Technologie wird mit alten Traditionen verbunden – z.B. Solartechnologie
  • Alphabetisierung ist keine unbedingte Voraussetzung für eine fachliche Ausbildung
  • jeder kann lernen, auch ohne gemeinsame Sprachkenntnisse
  • es werden vor allem Frauen in technologischen Bereichen ausgebildet
  • nach der Ausbildung gibt es keine Zertifikate
  • die Organisation des Colleges erfolgt durch die Armen selbst
  • Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen
  • das Ziel der Ausbildung ist die Befähigung der Dorfbewohner, künftig unabhängig und mit einem höheren Lebensstandard zu leben
  • Ausbildung und Betrieb des Colleges erfolgen mit starker Fokussierung auf den Schutz der Umwelt und einen schonen Einsatz von Ressourcen (vollständig solarelektrifiziert, Regenwassergewinnung, Recycling im Handwerk…)

Im Barefoot College wird jedoch nicht nur gelernt. Es ist auch Versorger mit Energie und Gesundheitsleistungen und Arbeitgeber, aber auch 250 „Nachtschulen gehören zum Barefoot College, in denen Kinderarbeiter abends eine Schulausbildung erhalten können. Mehr als 125.000 Menschen in über 100 Dörfern der Rajasthanischen Wüstengegend profitieren von diesen Angeboten.

Das für mich spannendste Vorhaben ist jedoch die Ausbildung von analphabetischen Müttern und Großmüttern zu Solaringenieurinnen. Was völlig verrückt klingt, funktioniert schon seit fast 20 Jahren. Frauen lernen in 6 monatiger praktischer Ausbildung alles, was sie können müssen, um später alle Häuser in ihren Heimatdörfern zu solarelektrifizieren, eine Werkstatt für Reparaturen zu betreiben, Solarlampen und Solarkocher zu bauen oder sogar Energieversorgung für solarbetriebene Wasserpumpen bereitzustellen.

Vor der Ausbildung von niedrigem sozialen Stand und Ansehen in ihren Heimatdörfern, kommen sie als „Tiger“ zurück (Bunker Roy). Sie können leben vom Entgelt für den Betrieb der Solaranlagen auf den Häusern in ihren Dörfern und bringen Licht und damit mehr Lebensqualität in die fernsten Gegenden. Eine Kilowattstunde Strom auf der Basis von Kerosin kostet 5-6 €, Solarstrom kann schon für 60 cent je Kilowattstunde erzeugt werden. So steht in der gesamten Community auch mehr Geld für andere Ausgaben (Bildung, Gesundheit, Konsumgüter) zur Verfügung. Zusätzlich fallen stundenlage Wege zur Beschaffung von Kerosin und anderen Brennstoffen wie Holz weg und wird Zeit frei für andere Beschäftigung. Kinder können wieder lernen und damit die Chancen auf eine bessere Zukunft erhöhen. Tausende Häuser in Hunderten Dörfern, in Indien, Afganistan, Nepal und in über 20 der ärmsten afrikanischen Länder wurden bereits von „Solar Sisters“ solarelektrifiziert. Tausende Tonnen Kohlendioxidäquivalente wurden eingespart.

Für dieses Engagement und den vielfältigen Erfolg in der Praxis ist Bunker Roy mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, vom rennommierten Tyler Prize über den Robert Hill Prize der europäischen Photovoltaic Community, bis hin zur Nominierung als Finalist in der WorldChallenge 2009 der BBC.

Mich hat die Genialität dieses Konzeptes in den Bann geschlagen. Ich war daher begeistert, als mich Bunker Roy bat, deutsche Botschafterin für die Barefoot Colleges zu werden. Seit dem engagiere ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten. Unter anderem habe ich ein Spendenprojekt bei betterplace.org eingestellt, um 10 Analphabetinnen aus Afrika eine Ausbildung als Solaringenieurin und die  Erstausstattung für 10 Häuser zu finanzieren.

Mit Bunker Roy bin ich in ständigem Kontakt. Über seine Einladung, das Barefoot College in Tilonia zu besuchen, habe ich mich sehr gefreut. Ich brenne darauf, mir selbst ein Bild zu machen – die „Tigerfrauen“ kennen zu lernen und zu erleben, wie Ausbildung mit Analphabetinnen verschiedener sprachlicher Hintergründe funktioniert.

Vom 27.12.2009 bis zum 08.01.2010 werde ich das Barefoot College in Tilonia, Rajasthan, in Indien besuchen.

In diesem Blog möchte ich mich den Solarsisters widmen, der Reise vor Ort, den Eindrücken. Ich möchte mit Fotos und Videos das Erlebte illustrieren, Interviews mit Bunker Roy und den Bewohnern des Barefoot College führen, Erfahrungen sammeln, die sich auch auf unsere Welt übertragen lassen und Anregungen gewinnen, wie Entwicklungshilfe nachhaltig funktionieren kann – bottom up statt mit der Gießkanne top down.

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