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Community Radio fällt aus – dafür ein Spontanbesuch beim Puppenmacher

Der Morgen meines achten Tages im barefoot college ist neblig und es ist lausekalt. Auf meinem Plan steht für heute ein Besuch im Community Radio, ich soll dazu jemanden in der Puppenmacher Werkstatt treffen. Dieser jemand, so stellt sich später heraus, ist heute gar nicht da. Die Wartezeit habe ich jedoch sehr gut unterhalten damit verbracht, wieder dem Puppenmachen zuzuschauen – ich kann mich nicht satt sehen.

Maenner und Frauenpuppen bekommen Ohrringe

Diesmal liegen zwei Haufen Puppen vor dem Puppenmacher – ein Männerhaufen und ein Frauenhaufen. Nach und nach bekommen sie alle Ohrringe, auch die Männer.

Eine Puppe bekommt Ohrringe

Aus einer kleinen Schachtel werden sorgfältig verschiedene Ohrringe ausgesucht.

Alle sind nagelneu und noch an einem Stück Pappe befestigt.

Sie werden der Puppe angehalten und die am besten passenden ausgesucht.

Jede Puppe wird mit Sorgfalt verschönert.

von Charge Controllern und Deep Cycle Batteries – ich werde Synchronsprecherin

Bata erscheint in der Tür und ich werde wieder zu Bunker gerufen. In seinem Büro erfahre ich, dass ich die Tonspur des Films „The Rural Women Solar Engineers of Africa“ – zu den Solarsisters aus Afrika (von Bunker werden sie „simple heroes“ genannt) auf deutsch und spanisch übersetzen und auch einspielen soll. Der Film steht bisher in beiden Sprachen noch nicht zur Verfügung. Ich sage ihm die deutsche Übersetzung bis zum Mittag zu, aber beim Spanischen ziere ich mich. Ich bin ganz gut in Spanisch, aber nicht gut genug, um einen Text mit Spezialvokabeln in kurzer Zeit zu übersetzen und dann auch noch zu sprechen. Das wäre für einen einmal Vortrag noch zu vertreten, aber nicht bei einer Freischaltung für die ganze Welt. Da ist mein Perfektionsanspruch dagegen. Weiterlesen »

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Dies ist mal ein eher ungewöhnlicher Text in diesem Blog – er kündigt an, was noch so an Texten folgt, damit sich die Netzgemeinde nicht über 3-4 Tage fehlende Updates wundert…

Die letzten Tage waren vollgepackt bis an den Rand und teilweise auch von adhoc Planungen bestimmt, so dass ich partout keine Gelegenheit hatte a) ans Internet (= in das Telefonhäuschen) zu kommen und b) über einen der Hausrechner meine Fotos von der Sony-Karte auf einen USB-Stick und von dort auf meinen Rechner zu laden. Mein Multikartenlesegerät hatte nämlich mitten in der Reise seinen Geist aufgegeben. Dankeschön. Das hätte es auch mal zu hause tun können, da gibts ein Ersatzgerät. Aber so sind die Dinger. Denken an gar nix.

Aber hier soll ja die Vorschau hin…Voilá:

Meine Blogthemen für den achten Tag:

an meinem achten Tag wird noch einmal ein Puppenmacher besucht, es gibt einen überraschenden Auftrag von Bunker Roy – die Synchronisation eines YouTube Films über die Solar Sisters, ein Riesensolarkocher auf einem Dach begutachtet und wiedermal im Eimer die Haare gewaschen.

NACHTRAG: dieser Artikel ist geschrieben – man kann ihn hier als Achten Tag lesen.

Meine Blogthemen für den neunten Tag:

an meinem neunten Tag gibts eine Spontanreise nach Jaipur zu beschreiben – der ehemaligen Hauptstadt des Königreiches Rajasthan, das sich erst 1949 dem Bundesstaat Indien anschloß. Die Stadt nennt man Pink City – wie zu lesen sein wird, nicht ganz zu unrecht. Dort habe ich die Albert Hall und den City Palast angeschaut und anschließend ein paar Marktstrassen durchstöbert auf der Suche nach regionalen Errungenschaften (die gab es natürlich). In Jaipur gab es dann auch den Geldsuper-Gau mit dem Totalversagen beider vorhandener Kreditkarten, am Ende doch noch ein leckeres Essen und eine späte Heimkehr.

NACHTRAG: Der neunte Tag findet sich in drei Artikeln wieder:

Jaipur Teil 1 – mit Albert Hall

Jaipur – Pink City-  Teil 2 – mit City Palast

Jaipur Teil 3 – mit Palast der Winde und einem Rezept für Linsensuppe

Meine Blogthemen für den zehnten Tag:

Der zehnte Tag begann wie schon der neunte mit einer Adhoc Nachricht – die Abreise nach Neu Delhi soll schon am gleichen Tag erfolgen, statt am folgenden. Das zeitigt einige Veränderungen in der Tagesplanung, etliches wird gestrichen, das Packen vorgezogen, ein Interview mit dem Urgestein des barefoot college – Vasu – geführt, den Synchrontext eingespielt, im campus Shop eingekauft (das war der größte Akt des ganzen Vormittages). Am Nachmittag und Abend ein Höhepunkt: Besuch der amtierenden Premierministerin des Kinderparlamentes der Nachtschulen in Rajastan auf ihrer Ziegenweide, auf ihrem Hof im Dorf Kotari und abends in der Nachtschule – die in einigen Dingen anders war, als die erste. Kurzer Abstecher in die Aussenstelle des barefoot campus dort in der Nähe.

NACHTRAG – inzwischen veröffentlicht:

Artikel zur Demokratie im barefoot college – nach Interview mit Vasu

Meine Blogthemen für den elften Tag:

Mein zehnter Tag ging dann relativ nahtlos in den elften Tag über – es wird einen Text geben zu meiner Nachtfahrt von Tilonia nach Neu Delhi, die von allerlei Kathastrophen geprägt war und daher doppelt so lange dauerte aber mit einer glücklichen Ankunft in N.D. endete (wenn auch erst um 6:30 Uhr früh des Folgetages).

Dieser Folgetag ist heute – der 7. Januar und mein letzter Tag in Indien. Ich habe ihn teils schlafend teils einkaufend (oh, Dili Haat!!!) und teils in der Wohnung von Bunker Roy verbracht (da gibts auch WLANT). Ich werde alle die angekündigten Texte erst im Flieger und zuhause schreiben können, die geneigten Leser werden daher um etwas Geduld gebeten. Dann gibts auch wieder Bilder. Morgen in aller Frühe fahre ich zum Flughafen und hoffe, dass mein Flug nicht gecancelt wird – heute morgen sollen viele Flüge ausgefallen sein. Morgen abend lande ich in Berlin – auch hier die Hoffnung, dass mein Flug nicht gecancelt wird, es gibt eine Unwetterwarnung wegen 20 cm Neuschnee in Berlin – natürlich zur Landezeit.

Wie es später hier weitergeht:

Natürlich ist dieser Blog nach meiner Rückreise nicht beendet, es gibt noch sehr viele Themen, für die ich Material habe und die ich in den nächsten Tagen und Wochen schreiben werde. Darunter einen Bericht über soziodemographische Themen im Campus, wie Demokratie im barefoot college gelebt wird, die Schaffung von Green Jobs durch das barefoot college und viele andere spannende Sachen.

Das also als Vorschau, bitte neugierig bleiben und immer mal Reinschauen, vielleicht kann ich ja schon Morgen abend in Berlin Neues hochladen.

Eine junge Italienerin und ein 86 jähriger Journalist kommen ins Gespräch

Italienerin im Gespräch mit Ajit Bhattcharya

Gegen 20 Uhr begebe ich mich mit Bata in Arunas Büro, wo das Interview mit Ajit Bhattcharya stattfinden soll.

Dieser Mann ist 86 Jahre alt, klein von Statur aber mit lebendigen und wachen Augen ausgestattet. In Indien ist er eine Koryphäe in der Journalistik, war lange Herausgeber der Hindustan Times und kämpfte an der Seite von Aruna für die Verabschiedung des Gesetzes zur Informationsfreiheit.

Eine junge Italienerin und ihre Eltern wollen mit ihm ein Interview aufnehmen, in dessen Mittelpunkt seine Erfahrungen mit Gandhi stehen sollen. Auch Bata wird das Gespräch aufzeichnen, so dass gleich zwei Kameras auf den betagten Herrn gerichtet sind.

Ajit Bhattcharya und ein Bild von Courbet

Er sitzt auf einem Bett, hinter ihm ein Bild von Courbet, auf dem ein Männerkopf mit geradezu stechendem Blick abgebildet ist, und einen eigenwilligen Kontrast zu dem sanftmütigen Greis bildet.

Als Ajit Bhattcharya im Vorgespräch hört, dass er auch einen Zusammenhang zwischen Leben und Denken von Gandhi zum barefoot college herstellen soll, besteht er darauf, dass Bunker dazu geholt wird und so sitzen bald beide Männer auf dem Bett und es kann los gehen.

Es war sehr spannend den Geschichten über Aufruhr im Land zuzuhören, die Ajit Bhattcharya über die vierziger Jahre erzählt – da, wo er Gandhi das erste Mal direkt und persönlich erlebt hat. Einen Teil des Gesprächs habe ich aufgezeichnet (als dritte Kamera im Raum). Wenn ich wieder in Deutschland bin, und an einem schnellen Netz hänge, werde ich es über einen YouTube Link im Blog verlinken. Weiterlesen »

Ein Schwabe ist Stammgast im barefoot college

Ich bin noch im Audiovisuell Center und schaue die letzten Minuten des Films über das Frauentreffen von 1985, da werde ich zu Bunker ins Büro gerufen. Dort sitzen die beiden Europäer, die ich morgens beim Frühstück in der Messe gesehen hatte. Sie werden mir als Heike und Wolfgang aus Deutschland – genauer aus Schwaben – vorgestellt. Wolfgang Scheffler ist Entwickler des Scheffler-Solarcooker – genau des Apparates, den die Solarcooker-Monteurinnen im Alten Campus zusammenbauen. Wolfgang hat ihn entwickelt, die Frauen ausgebildet und kommt seit Jahren immer wieder ins barefoot college, um nach dem Rechten zu sehen.

Wolfgang und Heike werden warm empfangen

Bunker bittet mich, die beiden bei ihren Besuchen im Campus zu begleiten. Da die beiden auch noch einigermaßen Hindi sprechen, verspreche ich mir davon detailliertere Einblicke in die Arbeit der Frauen auf dem Campus. Es ist immer noch kühl und nieselt, ich wickele mich auch in zwei Tücher – eins ist eine Leihgabe von Bata und hält allein durch seine Größe alle Arten Wetterunbill etwas von mir ab. Gemeinsam laufen wir – Heike, Wolfgang und ich – über den Ackerweg zum alten Campus, um die Solarkocher-Monteurinnen zu besuchen.

Wolfgang Scheffler beim Smalltalk mit den Solarkochermonteurinnen

Als wir dort ankommen sitzen alle gerade um ein kleines Feuer versammelt und wärmen sich. Sita und ihre Kollegen springen sofort auf, Wolfgang ist hier offensichtlich ein sehr gern gesehener Gast. Wir nehmen die Einladung ans Feuer sehr gern an und wärmen uns auch eine Weile auf. Heike und Wolfgang betreiben Smalltalk auf Hindi. Weiterlesen »

Am siebten Tag: Der erste Regen!

Am morgen des siebten Tages wache ich nach meinen obligatorischen 10 Stunden Schlaf auf und höre ein Geräusch. Ich denke spontan – oh, es regnet, aber muss mich gleich selbst auslachen, wie ich auf so eine dumme Idee kommen konnte. Hier und Regen – jetzt! So ein Unsinn. Ich bin mir meiner Sache so sicher, dass ich nicht einmal rausschaue.

Regen in Tilonia

Als ich eine halbe Stunde später mein Zimmer verlasse, habe ich diesen ersten Gedanken am Morgen längst vergessen und so trifft mich fast der Schlag, als ich auf der kleinen Terasse schräg vor meiner Tür kleine Pfützen entdecke, in denen Regentropfen kleine Ringlein machen. Mein Blick wandert himmelwärts: tatsächlich – alles grau, draußen – alles grau, der Boden feucht und dunkel, ab und an huscht schnell ein mehrfach in Tücher vermummter Mensch vorbei. Es regnet wirklich! Es ist mehr ein kräftiger Niesel als ein Regen. Auf dem Erdboden reicht es gerade, den Staub zu binden. Dort entstehen nirgendwo Pfützen oder Rinnsale aber es ist kühl und feucht. Die Luft ist klamm, so völlig anders als in den bisherigen Tagen.

Ich frage später, ob es nicht ungewöhnlich ist, jetzt Regen zu haben, aber ich erfahre, dass es noch eine Winterregenzeit gibt, die Anfang Dezember anfängt – nur bisher war der Regen ausgeblieben. Dies ist der erste Regen. Die Regenwassertanks wird er auch nicht füllen.

Fladenbrot und Tee zum Frühstück

Diesmal frühstückt niemand auf den Steinbänken im Freien, wo sonst alle die Morgensonne genossen haben. Es ist geradezu voll in der Messe beim Frühstück. Dort sehe ich zwei Europäer und will sie schon ansprechen, als sie aufstehen und gehen. Mein Frühstück ist besonders lecker. Ich hatte am Vortag auf Nachfrage Bunker Roy erzählt, dass mir das Essen sehr gut schmeckt, auch das Fladenbrot, dass das Brot am Neujahrstag aber besonders lecker gewesen sei, es hätte irgendeine Füllung gehabt mit verschiedenen Gewürzen. Daraufhin meint Bunker, ich solle es doch dann  jeden Tag essen und ich kann ihn nicht davon abhalten, die Küche anzurufen und meinen Sonderwunsch durchzugeben. Seit dem bekomme ich morgens immer Extrabrot, das ist mir etwas peinlich den anderen gegenüber aber es schmeckt dennoch köstlich. Weiterlesen »

6 Tage die Woche Schule und niemals Ferien: freiwillig in der Nightschool

Am Abend, es war schon dunkel, brechen wir mit dem Jeep über unwegsames Gelände in ein Dorf auf, nur ca. 8 km von Tilonia entfernt. Es ist Samstag, nach 19 Uhr. Über finstere Wege legen wir die letzte Strecke zurück, dann hören wir schon an den Geräuschen, dass wir angekommen sind: Kinder wiederholen im Chor bestimmte Laute – wir sind in der Nightschool.

Unterricht im Dunkeln - Nightschool

Heute abend bezieht sich das wir nicht nur auf Bata und mich sondern auch auf einen jungen Amerikaner, der seit 2 Jahren in New Delhi in einem Think Tank arbeitet und die Wirkung von Hilfsmaßnahmen untersucht. Er erstellt gerade eine case study über das barefoot college und wird auch 2 Tage im Guesthouse wohnen.

Die Nightschool sollte es gar nicht geben müssen, aber hier in den armen Dörfern Rajasthans ist sie vor allem für Mädchen oft die einzige Chance auf Schulbildung. An 6 Tagen die Woche, Montag bis Samstag, mit einer Handvoll Feiertagen aber niemals Ferien, lernen hier gänzlich freiwillig jeden Abend von 18 – 21 Uhr – im Sommer von 19-22 Uhr ca. 30 Kinder gleichzeitig in den Klassenstufen 1-5. Obwohl der Unterricht schon seit einer Stunde läuft, treffen auch nach uns noch Kinder ein. Bis auf zwei Jungen sind alle Mädchen. Mit großen neugierigen Augen schauen sie uns an.

die Tafeln lehnen an der Hauswand des Lehrers

Ihr Klassenraum besteht aus einer Mauer in ihrem Rücken, einem daran gebauten Dach auf 2 Stelzen und zwei Tafeln, die an die gegenüberliegende Hausmauer angelehnt sind. In diesem Haus wohnt der Lehrer, deshalb ist der Unterricht dort.

Auf dem Boden sind ein paar schmale Teppiche ausgebreitet, sonst liegt dort nur Schotter und staubige Erde. Die Kinder sitzen mit nackten Füßen und wegen der Kälte eng in ihre Tücher gewickelt dicht beieinander.

zwei Solarlampen spenden Licht in der Dunkelheit

Das einzige Licht kommt von zwei Solarlampen. Es gibt in der Umgebung von Tilonia inzwischen über 70 Nightschools.

Die deutsche Welthungerhilfe hat über viele Jahre die Nightschools unterstützt aber dann die Hilfe eingestellt.

Die Begründung ist eine in der Industriewelt häufig zu hörende: mit den Nightschools würde man die Lebensverhältnisse der Kinder perpetuieren, man würde damit Kinderarbeit fördern und so dazu beitragen, dass die Kinder nicht tagsüber eine Schule besuchen können.

 

Mangli, Puja und Samlesh hüten tagsüber Ziegen– ohne Nightschool hätten sie niemals Schule

Das klingt auf den ersten Blick nicht unlogisch. Aber er einmal in diesen Dörfern war und die ärmlichen Verhältnisse gesehen hat, der glaubt sofort, dass es in vielen Familien keine Alternative dazu gibt, die Kinder – leider insbesondere die Mädchen – zum Ziegenhüten auf die Weide zu schicken oder aber zuhause auf die kleinen Geschwister aufpassen zu lassen, wenn beide Eltern arbeiten sind und Kinderbetreuung nicht existiert.

am Tag hütet sie Ziegen

Wir erzählen kurz wer wir sind und der Lehrer läuft, eine ausrollbare Weltkarte zu holen. Sie ist sehr klein, aber immerhin – ich zeige auf Indien und fliege dann mit dem Finger durch die Luft nach Deutschland. Dann ist Michael dran – er zeigt die Fluglinie St. Louis, USA. Die Kinder staunen über die Distanzen, vorstellen können sie sich wohl kaum.

Ich frage die Kinder, was sie so machen, tagsüber und die Antworten sind wie vermutet. Die meisten, Kearsi, Puja, Gusa, Ejen, Samlesh und andere hüten zwischen einer und 15 Ziegen, Mangli sogar 20 Ziegen. Santosch – ein schmächtiges Mädchen von vielleicht 10 Jahren –  hütet 10 Kühe, Nandu, ein anderes Mädchen drei Ochsen, manche hüten Geschwister. Sampat und andere helfen den Eltern bei ihrer Erwerbsarbeit oder arbeiten im Haushalt.

auch die Kleinsten kommen in die Nightschool

Ich frage sie, ob sie gern zur Schule kommen und alle nicken begeistert, sogar bei der Frage, ob sie gern Hausaufgaben bekommen, nicken sie eifrig. Sie erzählen, dass sie sie oft mit auf die Weide nehmen und dort lernen.

Einmal im Monat gibt es einen Leistungstest, für den Übergang in die nächste Klassenstufe muss man ebenfalls einen Test absolvieren. Alle Kinder aus 5 Altersstufen werden gleichzeitig unterrichtet. Zwischendurch teilt der Lehrer die Gruppe in Altersstufen ein, die getrennte Aufgaben erhalten. Zwei bis drei Kinder haben einfach ihre Geschwister begleitet, zwei sehen aus, als wären sie höchstens 3-4 Jahre alt. Eines der Kinder erzählt stolz, dass es die 5. Klasse der Nightschool bestanden hat und nun als Kinderbetreuerin in einer Art Krippe arbeitet.

Eine ehemalige Ministerin und eine zukünftige Pilotin gehen in die gleiche Klasse

eine ehemalige Ministerin des Rajasthan-Nightschool-Kinderparlamentes (Mitte)

Ein anderes Mädchen ist jetzt in der 5. Klasse und war im vergangenen Jahr Nightschool-Ministerin. Alle Nightsschools werden von einem Kinderparlament „regiert“. Dazu finden alle 2 Jahre Wahlen statt, bei denen neben mehreren Ministerien auch die Position des Premierministers bzw. der Premierministerin zu vergeben sind.

Die Kinder lernen auf diese Weise eine Menge über Demokratie, wie eine Volksvertretung agiert, wie man sie wählt, wie man Wahlkampf macht und anschließend für die Wahlversprechen gerade stehen muss.

Sie gehen mit allem Ernst an die Sache und die gewählten Ministerinnen und Minister entwickeln ein starkes Selbstbewusstsein durch ihre Regierungstätigkeit. Sie besuchen andere Nightschools und treffen sich regelmäßig zu Kabinettssitzungen, sie planen gemeinsam auch Lehrstoff und beraten Probleme. Seit 1993 gibt es das Kinderparlament. Seine gewählten Mitglieder kommen aus vier Bezirken Rajasthans, einer Fläche ca. 800 Quadratkilometern.

Aufmerksam wird zugehört, trotz später Stunde

Ich frage die Kinder auch, was sie einmal werden möchten und nach kichern und tuscheln melden sich nur zwei Mädchen zu Wort: sie wollen Lehrerin werden. Ich frage, ob auch jemand Ärztin werden will und ein Mädchen meldet sich. Ein weiteres meldet sich von selbst– es möchte auch Krippenerzieherin werden. Auch auf die Frage, wer denn einmal Solaringenieurin werden will, meldet sich ein Mädchen. Und dann spricht noch eins von allein, es möchte Pilotin werden, am liebsten Hubschrauber fliegen und die anderen Kinder lachen. Ich erzähle von den Pilotinnen, mit denen ich schon durch die Luft geflogen bin und dass es durchaus möglich ist, diesen Traum zu verwirklichen, wenn man daran glaubt, fleißig lernt und nicht aufgibt.

Natürlich weiß ich, dass man allein mit gutem Willen nicht alles schaffen kann – nicht unter diesen Bedingungen. Aber die Welt verändert sich, auch in Rajasthan.

Das Klassenzimmer ist nur ein Dach auf zwei Stelzen an einer Mauer

So etwas in der Art habe ich auch in das etwas zerfledderte „Gästebuch“ der Nightschool geschrieben. Mich haben die Gesichter dieser Mädchen sehr beeindruckt, aus ihren Augen sprach eine Ernsthaftigkeit und ein fester Wille, aber wenn sie nur ihren Namen gefragt wurden, waren einige plötzlich ganz schüchtern, versteckten sich hinter ihren Tüchern und wagten sich kaum wieder hervor. Ich wünsche ihnen, dass sie diese Scheu ablegen und mit Stolz, Anmut und Würde zielgerichtet ihre Träume verwirklichen könen.

Ein Computer wird in die Luft gemalt und „Katjuscha“ erklingt in der Halbwüste Rajasthans

Dann sind die Kinder dran und dürfen Fragen stellen. Sie wollen wissen, ob ich auch Tiere zu Hause habe, was bei uns auf den Feldern wächst, ob ich verheiratet bin. Ich zeige ihnen ein Foto meines Sohnes, es wird von Hand zu Hand gereicht, alle wollen es unbedingt anschauen, es kommt Tumult auf und zum ersten Mal muss der Lehrer mahnen. Die Kinder fragen auch nach meinem Beruf und was ich da so mache.

Bata übersetzt

Ich beschreibe vereinfachend, dass ich in einer Computerfirma arbeite und viel am Computer sitze, woraufhin Bata, meine Übersetzerin, erst einmal beschreibt, was ein Computer ist und Monitor und Tastatur in die Luft zeichnet.

Am Ende frage ich die Kinder, ob sie denn Schokolade mögen und gerecht teilen können….die Antwort ist natürlich ein zweifaches JA. Ich habe zum Glück noch beim Dutyfree in Neu Delhi eine Riesentafel Schokolade gekauft – darin sind 40 Stück – das gibt gerade für jeden ein Stück, inzwischen sind noch ein paar Zuschauerkinder eingetrudelt.

die Schokolade wird verteilt

Ich habe auch von der Berliner Bonbonmanufaktur ein Tütchen dabei, beides, Bonbons und Schokolade werden verteilt. Wie bei den Bounties gestern gibt es auch hier nur langsames Genießen, einige Kinder lecken nur an der Schokolade, damit sie länger davon haben. Eines der kleinsten Kinder darf die Krümel aus der Schachtel essen. Ach ja. So sehr sich die Kinder freuen, so wenig ändert ein Stückchen Schokolade ihre Alltagswelt. Werden sie ihre Träume verwirklichen? Wird aus ihnen einmal eine Ärztin oder Hubschrauberpilotin werden? Oder bleiben sie im Kreislauf der Armut gefangen und werden wie meine Madonna von Tilonia vier Kinder bekommen und tagein tagaus kleine Hefte zusammenkleben, zu fünft oder zu sechst in einem einzigen, dunklen Zimmer leben?

Welche Zukunft wird diese Nightschool-Schülerin wohl haben?

Die Kinder singen ein Lied, über die Liebe zu ihrem Dorf, das ihre Heimat ist und einen Baum hat, der ihnen Schatten spendet. Sie wollen auch von uns ein Lied gesungen haben und da mir auf die schnelle (peinlicherweise) kein deutsches Lied einfällt, singe ich ihnen die erste Strophe von Katjuscha auf russisch vor.

Ich übersetze den Text auf englisch und Bata in den lokalen Dialekt – dabei zeigt sie auch Rußland auf der Weltkarte. So wird aus unserem Besuch doch noch ein wenig Bildung für die Kinder und nicht nur eine (wenn auch durchaus willkommene) Störung.

Michael mag nicht singen, also verabschieden wir uns von den Kindern. Sie lernen von Bata noch den Satz „thank you for the chocolate“, winken uns hinterher und wir verschwinden in das Dunkel der Nacht.

Es wird trotz alledem viel gelacht in der Nightschool

Uns begleitet der Lehrer mit der Solarlampe zum Jeep. In der finsteren Nacht sträunt nur ein Hund herum und ich frage mich, wie die Mädchen da allein nach Hause sollen. Sie haben Fußwege bis zu einem Kilometer zurückzulegen. Der Lehrer erzählt, dass sie zwar allein kommen, aber dass er sie nach Hause eskortiert. Ich bin etwas beruhigt. Ich wäre solche Wege als Kind niemals allein im Dunkeln gelaufen.

Nightschools sind notwendig. Leider. Noch.

An meinem Handy sehe ich, dass ich zum ersten Mal in Indien keinen Empfang habe. Das ist die Wirklichkeit im ländlichen Rajasthan, nicht die Solar- und WLAN Versorgung des barefoot college.

Man mag die Nightschools zwiespältig sehen, für mich sind sie ein Weg, Kindern Bildung zu ermöglichen, die sonst davon ausgeschlossen wären. Gerade bei Mädchen ist jedes einzelne Schuljahr umrechenbar in höhere Lebenserwartung, bessere Geburtenkontrolle und  höheres Einkommen, es wirkt sich auf die Gesundheit ihrer späteren Kinder aus und auf deren Bildung. Wir können nicht mit unseren Maßstäben messen, wenn es darum geht, Armut in Entwicklungsländern zu beseitigen. Wir können die Augen vor der Lebenswirklichkeit dort nicht verschließen. Wo Nightschools  der einzige Bildungsweg für viele Mädchen ist, muss man das Konzept rückhaltlos unterstützen.

Fünf Klassen werden gemeinsam unterrichtet

Aus diesem Grund wurden die Nightschools von Bunker Roy gegründet. Inzwischen gibt es 6.250 Schülerinnen und Schüler in 250 Nightschools in 6 indischen Staaten. Alle werden vom barefoot college unterstützt und mit über 500 Solarlampen beleuchtet. Das barefoot college unterstützt diese Schulen auch mit Lehrmaterialien, die von Jugendlichen mit Behinderungen im Campus erstellt werden. Mehr Informationen findet man auf der Website des barefoot college , außerdem gibt es auf YouTube den Film „Nightschools of Tilonia“. 

Im Stoffelager ist es finster

Den Nachmittag meines sechsten Tages verbringe ich überwiegend schreibend im Telefoniglu. Ein Abstecher in das Alte Campus muss jedoch sein, da mir Aruna nahe gelegt hat, lieber eine unifarbene Hose zum langen indischen Oberteil zu tragen als eines in der gleichen Musterung. Unifarbene Hosen gibt es jedoch im Shop gerade nicht, also nutze ich eine Mitfahrgelegenheit und fahre mit Bata und Bunkers Cousin in das Alte Campus zu den Schneiderinnen.

Das Stoffelager im Alten Campus

Dort werde ich in das Stofflager geführt, das leider kein Licht hat. Durch das Fenster dringt nur spärlich Licht, es ist klein und der Nachmittag neigt sich dem Abend zu. Der Staub auf den Fenstern tut sein übriges – kurz, man kaum Farbe und Beschaffenheit der Stoffe erkennen. Bald stellt sich jedoch heraus, dass es soviel Auswahl in einfarbigen Stoffen ohnehin nicht gibt und das vielversprechendste Regal auch noch direkt am Fenster steht. Ich halte mir mal die eine und mal die andere Stoffrolle über die Beine und kann mich dennoch nicht entscheiden.

Am Ende nehme ich mir die Entscheidung selbst ab – eine Hose kostet 5-6 Dollar, da kann man auch zwei verschiedene Farben nehmen. Ich entscheide mich für mittelblau und rostrot – beides dürfte gut zu meinem Oberteil passen. Die Schneiderin nimmt noch einmal Maß – beim letzten Mal war meine Hose zu lang geraten – und verspricht am folgenden Tag die Hosen zu nähen. Das klappt auch – ich bekomme beide Hosen am kommenden Nachmittag, leider diesmal ein wenig zu kurz, da hilft nur, den Gummizug etwas tiefer ziehen…

Madonna backt Fladenbrot mit Kerosin

In meiner Tasche habe ich einige Süßigkeiten, die ich den Kindern meiner „Madonna von Tilonia“ schenken möchte (siehe meinen Text „Das Fest beginnt: Sylvester 2009″ – dort ist das beeindruckende Bild der „Madonna“ mit ihren beiden Kindern abgebildet). Ich weiß nicht, wie sie heißt und wo sie wohnt und Bata auch nicht. Wir wissen nur, dass sie auch Kalender klebt, hier auf dem Alten Campus.

die "Madonna von Tilonia" beim Herstellen von Kalendern

Aber die Schneiderin kennt alle, die hier wohnen und so zeige ich ihr einfach das Foto. Damit ist die Sache einfach – meine Madonna stellt sich als quasi Nachbarin und im gleichen Hof der Schneiderin wohnend heraus. Die Wohnung ist hinter der Metallwerkstatt, gegenüber der Solarcooker-Werkstatt.

die Madonna von Tilonia vor ihrer Behausung

Wir finden die Gesuchte und ich bin froh, dass ich einer Intuition folgend Süßes für vier Kinder mitgenommen hatte, obwohl ich nur von zwei Kindern wusste (die auf dem Madonnenfoto abgebildeten). Madonna hat tatsächlich vier Kinder. Sie freut sich sehr über die kleinen Gaben und lädt uns zum Tee ein. Doch wir wollen am Abend noch in die Nightschool, die Zeit haben wir nicht. Aber so komme ich dazu, einen Blick in ihre Wohnung zu werfen und bin betroffen. Es ist dunkel in dem einzigen Zimmer, in dem eine breite Liege steht und 2 weitere Liegen hochkannt gestellt sind, um kaum eine mehr als 1,5 Meter breite Fläche freizugeben. Es riecht nach Kerosin. Madonna erzählt, dass sie gerade keinen Strom haben und daher die Lampe nicht funktioniert. Sie sind offenbar nicht mit Solarstrom versorgt und so backt sie auch die Fladenbrote für das Abendbrot mit Kerosin. Unvorstellbar, dass man bei diesem Geruch schlafen kann. Für Groß und klein ganz sicher gesundheitsschädigend.

Ich nehme mir vor, irgendwie dafür zu sorgen, dass dieser Hof auch mit Solarstrom versorgt wird, damit nie wieder das Licht ausfällt und nie wieder mit Kerosin Brot gebacken werden muss. Damit mehr Geld übrig bleibt für die Kleidung der vier Kinder. Madonna lädt uns für das nächste Mal zum Tee ein und wir verabschieden uns. Bedrückt gehe ich fort. Hier muss man etwas machen!

Madonna mit einem ihrer Kinder beim Sylvesterfest 2009

Wir haben wieder eine Mitfahrgelegenheit in den neuen Campus wo sich herausstellt, dass wir erst etwas später zur Nightschool fahren. Ich nutze die Zeit und schreibe in meinem Zimmer an einem Text für den Blog.

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