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Schulbesuch im Barefoot College – wilde Jungen und ein Mädchen mit starkem Blick

die Schulkinder im Community Theater (Agora)

Den ganzen Tag schon ist Gewusel auf dem Neuen Campus, drei Busse haben viele Schülerinnen und Schüler ausgespuckt, die erst gemeinsam eine Einführung im großen Community Theater erhalten, und dann in einzelnen Gruppen die verschiedenen Bereiche des barefoot college ansehen.

Jungen und Mädchen wandern in getrennten Gruppen herum, sie verhalten sich sehr unterschiedlich.

Die Jungs sind geradezu distanzlos, jeder will unbedingt von mir fotografiert werden, viele geben ihr Handy den Freunden, damit sie ein Foto von sich mit mir machen können. Sie stellen sich auch in immer wechselnden Gruppen auf oder belagern Bänke in Konstellationen, die ich bitte wieder fotografieren soll.

Sie albern herum und machen alle Arten Witze. Sie drängeln und schubsen sich gegenseitig.

...wild auf ein Foto

Rücksicht gegenüber den Kleineren gibt es nicht, die Großen drängen sich permanent in den Vordergrund.

Am Ende schreite ich ein – und sortiere  sie selbst, wenn schon Foto, dann wie gewohnt: die Kleinen vorn, die Großen hinten. Manche Kleinen wehren sich auch mit ausgebreiteten Armen gegen das Vordrängeln der Großen. Gar nicht so einfach, einen Hummelhaufen zu fotografieren, aber es geht doch.

Jungen drängeln sich in Gruppen zum Fotographieren

Viele Jungen stellen sich vor und schütteln mir die Hand, sie sagen immer wieder „hello“ und „Thank You“. Ich werde gefragt, ob ich aus Amerika komme, aber auch die Antwort „Germany“ scheint sie nicht zu enttäuschen. Einige handeln sich beinahe Ärger mit ihrer Aufsicht ein, weil sie kein Ende finden.

Bei den Jungen löst daneben vor allem der ausrangierte Kampfflieger Begeisterung aus. Sie klettern die kleine Leiter hoch und auch dort posieren sie für Fotos. Ich möchte ihnen anbieten, einige Bilder per email zu schicken, aber das scheitert an der Kommunikation – oder sie haben einfach keinen Zugang zu email.

Jungs am Flieger

Ganz anders verhalten sich die Mädchen. Das Flugzeug wirkt natürlich auch auf sie anziehend, aber nur einige interessieren sich dafür, es auch zu erklettern, das Ganze geht dabei eher ruhig zu.

Schulmädchen am Flugzeug

Sie sind auch sehr neugierig und schauen mich unverwandt an, aber sie bleiben auf Abstand.

Manche ergreifen sogar die Flucht als sie beim Fotographieren der Jungs versehentlich mit im Bild sind (sie waren auf ein Mäuerchen geklettert, um zu schauen was los ist).

Das Mädchen mit dem blauen Hemd schaut fast die ganze Zeit mit direktem Blick zu mir, am Flugzeug (auf der Leiter), vom Mäuerchen, in der Gruppe.

Ich werde richtig neugierig, weil man selten ein Kind mit solchem Blick trifft, so offen, so direkt und soviel Stärke und Selbstbewusstsein ausstrahlend.  Ich weiß leider nicht einmal, wie sie heißt. Sehr schade.

Fluchtreflexe und ein direkter Blick - Schulmädchen in Rajasthan

Die Mädchen sind auch etwas besser in Englisch, sie sind freundlich und höflich und sagen „nice to meet you“ zu mir. Ihre Augen sind wach aber oft sehr ernsthaft.

das Mädchen mit dem starken Blick

Am Flugzeug trocknen Puppenköpfe

Als die Jungsgruppe zum Flugzeug kam, war ich eigentlich gerade dabei, einem Puppenmacher über die Schulter zu schauen. Es fasziniert mich wie beim ersten Mal, der Entstehung der Puppenköpfe zuzuschauen.Der Puppenmacher und seine jüngsten Geschöpfe

Der Puppenmacher ist stolz auf seine Arbeit und zeigt mir seine großen und kleinen Werke. Er läßt die große Puppe mit den Augen klappern und die kleine Puppe den Mund auf und zu machen (sie erinnert wieder stark an Bunker Roy).

die Puppenköpfe trocknen auf dem Flugzeugflügel

Er ist sehr freundlich und aufmerksam aber auch sehr still. Es ist der taubstumme Mann, der so wunderbar auf dem Sylvesterfest getanzt hatte.

 Die fertigen Pappmaché-Köpfe sind auf einen Stock aufgespießt und auf dem Flugzeugflügel befestigt worden, um besser zu trocknen. Das sieht außerordentlich witzig aus und erinnert mich an Giacometti Plastiken.

Einige liegen auch einfach flach auf dem Flugzeugflügel herum, als hätte sie jemand nur vergessen. 

trocknende Puppen

Ich kann mich auch ein weiteres Mal im Puppenlager umschauen. Puppen sind immer wieder schön. Ich entdecke die tanzende Riesin vom Neujahrsfest – diesmal ohne Lampe im inneren. Der geheimnisvolle Zauber der Nacht ist dahin, aber eindrucksvoll ist sie noch immer. Die Puppe daneben – immerhin so groß wie ein halber Mensch, wirkt lächerlich klein neben ihr. Ich entdecke eine Puppe, die offensichtlich Aufklärung leistet über gute Buchführung, so sieht es jedenfalls aus. Und neben drei Schönheiten im Hintergrund eine schwarze finstere Frauenpuppe mit leuchtenden Augen – wie ein Gespenst, das über die bunten  Damen wacht.

drei Mädchen und ein Buchhalter - Puppen aus dem Lager

Aus Leiterplatten werden Möbel – im Milchiglu des barefoot college

Auf dem Weg zum Telefon-Iglu, um dort wieder etwas für den Blog zu schreiben, beschließe ich einen Abstecher in das Milch-Iglu, das sich direkt daneben befindet. Beide Iglus sind direkt rechter Hand gelegen, wenn man in den Neuen Campus kommt. 

Hier decken sich die Einwohner des college mit ihrem täglichen Bedarf an Milchprodukten ein. Im Essen wird (zu meinem Glück) keine Milch verwendet, aber Tee ohne Milch zu bekommen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

das Milch-Iglu von außen und das Gemälde auf seinem Dach

Auf dem Dach des Iglus ist ein Bild gemalt – natürlich mit Bezug zur Hütte, unverkennbar die Zitzen der Kuh im Vordergrund. Die Türen stehen auf, aber ich treffe niemanden an. Das Innere der Milchhütte ist spartanisch, da gibt’s nur einen Tisch mit Ventilator und dem obligatorischen Radio, ein Regal für eine Handvoll Akten und das entscheidende Inventar: die Kühlhaltetruhe mit den Milchprodukten. 

das Milch-Iglu von innen - spartanisch eingerichtet

Beim näheren Betrachten der Verkauftheke fällt mir auf, dass sowohl Oberfläche der Tischplatte als auch Vorderwand und Tür aus alten Leiterplatten hergestellt wurden. Das sieht sehr lustig aus, ist aber bestimmt nicht so toll sauber zu halten, da die Platten viele kleine Löcher haben.

Leiterplatten im Milchiglu - Recycling für Möbelverkleidung

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„Bunker Roy gegen den Staat Rajasthan“ –ein Urteil des Obersten Gerichts zündet die Frauenbewegung

Die nachfolgende Geschichte der Frauenbewegung von Rajasthan hat mir Ramkaran erzählt (siehe dazu auch den vorhergehenden Blogbeitrag). Da ich keine historischen Fotos zur Verfügung habe, sind in diesem Beitrag Porträts von Frauen und Mädchen abgebildet, die zur Zeit im barefoot college oder seiner Umgebung leben und arbeiten – sie stehen jedoch in keinem direkten Zusammenhang zur beschriebenen Geschichte.

Zwei Solar-Heizungsbauerinnen im barefoot college

Frauengruppen entstanden 1981 in Rajasthan – durch einen Fall öffentlicher Diskriminierung von Frauen. In der Nähe von Tilonia wurden öffentliche Straßenarbeiten durchgeführt, bei denen 600 Menschen Arbeit hatten – 300 Frauen und 300 Männer. Die Männer bekamen 4 Rupien Stundenlohn, die Frauen nur 3 Rupien. Alle waren faktische Analphabeten und niemand wußte, dass es ein Gesetz über Mindestlohn gab, das sogar 7 Rupien Stundenlohn vorschrieb. Aber die Frauen sahen, was die Männer bekamen und was sie bekamen und waren entrüstet. Man begründete ihnen gegenüber die Ungleichbezahlung damit, dass sie schwächer wären als Männer und daher weniger schaffen würden. Die Frauen arbeiteten jedoch genauso effektiv wie die Männer und waren daher mit der Ausrede nicht zufriedengestellt. Eine Delegation von 10-15 Frauen machte sich auf den Weg in das nahe gelegene Tilonia, um dort Bunker und Aruna Roy von ihrem Fall zu erzählen. Die Annahme ihres Lohnes hatten sie bis dahin verweigert.

Von Aruna und Bunker Roy erfuhren sie dann erstmalig von ihrem Recht auf Mindestlohn von sogar 7 Rupien – mehr als das Doppelte dessen, was man ihnen bezahlen wollte. Noch am gleichen Abend versammelten sich die Frauen in Harmara, dem Arbeitsstandort – alle 300 Arbeiterinnen nahmen am Treffen teil. Gemeinsam beschlossen sie, die Annahme ihres Lohnes weiterhin zu verweigern und 7 Rupien Lohn zu fordern.

Sita, Solarkocher-Monteurin im barefoot college, auf dem Weg vom Alten in das Neue Campus

Für das Straßenbauprojekt waren zwei öffentliche Behörden zuständig – das Public Works Department auf Landesebene und die Abteilung für Dörfliche Entwicklung auf Distriktsebene. Das Barefoot College schrieb einen von den Frauen unterzeichneten Beschwerdebrief mit ihrer Forderung an diese Behörden – er blieb unbeantwortet. Zehn Tage danach reichte Bunker Roy im Namen der Frauen eine offizielle Beschwerde beim Obersten Gericht auf Bundesebene ein. Alle 300 Frauen hatten ihm Vertretungsrechte überschrieben, da sie ihre Familien für die Anhörungen in Neu Delhi nicht verlassen konnten. Der Fall wurde verhandelt als „Sanjit Roy versus State of Rajasthan“ (Sanjit Roy ist Bunker Roys eingetragener Name, Bunker ist sein Spitzname, den er heute praktisch ausschließlich verwendet).

Das Verfahren dauerte über 18 Monate, bis am 20. Januar 1985 das überraschende und wegweisende Urteil des Obersten Gerichtes gefällt wurde: Der Staat Rajasthan wurde dazu verurteilt, an alle 300 Frauen den Mindestlohn von 7 Rupien die Stunde nachzuzahlen. Dieses Urteil sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Die Frauen erlebten zum ersten Mal, dass es Sinn macht, sich zu wehren, dass sie gemeinsam sogar gegen die Verwaltung kämpfen und gewinnen können. Weiterlesen »

Das barefoot college wird von unten gemanaged

Wieder habe ich zehn Stunden am Stück geschlafen, die Umgewöhnung nach der Rückkehr wird nicht leicht sein. Es gibt die obligatorischen Fladenbrote zum Frühstück bevor ich zu Bunker Roy ins office gehe. Bunkers Büro ist am Rand des barefoot colleges, nahe bei seinem Wohnhaus. Auch hier wird ebenerdig gesessen bei der Arbeit, auf flachen Kissen mit ein oder zwei Nackenrollen im Rücken. Die Sitzweise ist exemplarisch, hier wird kein hierarchischer Abstand gepflegt, ohnehin wird das barefoot college vorwiegend von der community selbst gesteuert.

das Büro von Bunker Roy

Bata kommt auch in Bunkers Büro und zeigt mir einige historische schwarz weiß Fotos aus dem barefoot college, es sind wunderbare Bilder dabei, sie wirken wie vor 100 Jahren aufgenommen und sind doch erst 20 oder 30 Jahre alt. Ich sehe Jugendbilder von Aruna und Bunker, auch von Batas Eltern und anderen, die ihr halbes Leben schon in Tilonia verbracht haben. Einer von ihnen ist Ramkaran, seit er 14 Jahre alt ist, lebt und arbeitet er im barefoot college, seit über 30 Jahren. Bunker meldet mich telefonisch bei ihm an, er wird mein nächster Interviewpartner und soll mir alles zum Thema Regenwassergewinnung erzählen.

Ramkaran in seinem Büro - zuständig für Womens Issues und Rainwater Forresting

Ramkaran hat sein Büro direkt hinter dem Telefon-Iglu, es ist klein und bietet neben seinem Arbeitsplatz nur noch Raum für viele Akten.

An den Wänden hängen Poster mit Fotos von Frauentreffen der vergangenen Jahre. Er ist nicht nur für das Thema Regenwassergewinnung zuständig sondern auch für das Women Development Program. Seine beiden anwesenden Mitarbeiter werden mir vorgestellt – Rami kümmert sich vor allem um die Frauengruppen, Naru um Aufgaben, die mit dem National Rural Employment Guarantee Act zusammenhängen.

Naru im Büro von Ramkaran, zuständig für Umsetzung des Nationalen Gesetzes zum Recht auf Arbeit für die Landbevölkerung

Wir unterhalten uns eine Stunde über Frauenrechte, Arbeiterbewegung und das Gesetz zur Informationsfreiheit, -bis zur Gewinnung von Regenwasser kommen wir nicht.

Wir beschließen das Gespräch in 3 Tagen fortzusetzen, da Ramkaran die kommenden beiden Tagen auswärts ist. Unterbrechen wollte ich nicht, dafür war es viel zu spannend.

Zwei Gesetze bringen neue Chancen für die Landbevölkerung

Vor 30 Jahren stieg in ganz Indien die Landarmut. Es gab Mißernten und Bauernfamilien hungerten. Wie in solchen Situationen häufig, kam es zur Landflucht und viele Bauern siedelten in die Großstädte, wo sie in Elendsquartieren hausten, die ständig größer wurden. Das Problem nahm überhand und der Unwillen des Volkes wuchs im ganzen Land. Es entwickelte sich eine Graswurzelbewegung, die schließlich nicht nur auf der Distriktebene sondern auch auf Landes- und Bundesebene aktiv war. Die Bewegung wurde getrieben und unterstützt von Organisationen wie der von Aruna Roy gegründeten Workers and Farmers Association und dem von Bunker Roy gegründeten barefoot college.

Es dauerte jedoch mehr als 20 Jahre Auseinandersetzung, Forderung und Kampf, bis endlich, 2005, ein bahnbrechendes Gesetz auf Bundesebene verabschiedet wurde. Es verschafft jeder Familie im ländlichen Raum im gesamten Bundesgebiet das Recht auf 100 Tage nach Mindestlohn bezahlter Arbeit (100 Rupien je Tag, 10.000 Rupien im Jahr). Diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind von der öffentlichen Hand zu organisieren, sie dürfen keine Qualifikationen erfordern und bei Entfernungen über 5 km vom Wohnort der Freiwilligen müssen kostenfreie Transportmöglichkeiten bestehen. Damit war allen von Landwirtschaft und Kleinhandwerk abhängigen Familien in schlechten Zeiten eine Überlebensmöglichkeit geschaffen, ohne ihre Heimat verlassen zu müssen.

Rami im Büro von Ramkaran, zuständig für Womens Issues

Gleichzeitig war es eine enorme Chance für Frauen, eigenes Geld zu verdienen.

In der Gegend um Tilonia werden 80-90% dieser Arbeitsplätze von Frauen genutzt, im übrigen Gebiet von Rajasthan sind es ca. 75%. Das liegt gerade an der gesetzlichen Pflicht, diese Maßnahmen zur  Arbeitsbeschaffung in der Nähe der Wohnorte anzusiedeln oder sicheren Transport bereitzustellen. Durch ihre doppelte Verantwortung für Haushalt und Kinder, sind Frauen weniger mobil als Männer, die auch weiter entfernte Arbeitsplätze in Anspruch nehmen können. Da je Familie immer nur eine Person diese 100 Tage in Anspruch nehmen kann, ist das Gesetz eine umfassende Aktion zur Förderung von Erwerbstätigkeit von Frauen und damit insbesondere der Gesundheit in der Familie und der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern.

Zwei Gesetze verbessern seit 2005 die Lage der Landbevölkerung in Indien

Ein zweites Gesetz mit sehr großer Auswirkung auf das ganze Land wurde ebenfalls 2005 auf Bundesebene verabschiedet: das Gesetz über das Recht auf Information. Auf Bundesebene wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Millionen Rupien in die dörfliche Entwicklung investiert – aber sie wurden immer erst den einzelnen Bundesstaaten zugeordnet, dann den Distrikten und von dort den einzelnen Dörfern. Bei jeder einzelnen Station wurde das Geld erheblich weniger, förderte Korruption ihren Tribut, versickerten Investitions- und Hilfsbudgets in undurchsichtigen Kanälen. Dort wo man das Geld brauchte, kam nur noch wenig an, wo der Rest blieb, ließ sich nicht herausfinden.

Insbesondere Aruna Roy hatte es sich daher mit ihrer Organisation zur Aufgabe gemacht, für ein landesweites Transparenzgesetz zu kämpfen. Auch dieser Kampf dauerte mehr als zwei Jahrzehnte und wurde gewonnen. In Anhörungen vertrat Bunker Roy das barefoot college, in dem bereits über 20 Jahre alle Finanzströme offengelegt werden und wo in der Community über die Mittelverwendung gemeinsam entschieden wird. Bunker Roy nahm die Bücher der letzten zehn Jahre mit und zeigte allen Zweiflern an der Machbarkeit, dass ein Social Audit möglich ist, Dorfgemeinschaften verantwortungsvoll über Mittel entscheiden können und dass Transparenz der Sache dient. Jede Rupie, die an das barefoot college floss, egal aus welcher Quelle, wurde nachweislich zweckbestimmt ausgegeben. Damit war dem Hauptargument der Reformgegner die Basis entzogen.

Seit in Krafttreten des Gesetzes vor nunmehr fünf Jahren wird in Indien Geld anders ausgegeben, ist die Korruption enorm zurückgegangen und kommen mehr Mittel als bisher dort an, wo sie auch benötigt werden. Der Bedarf ist jedoch enorm und der Filz ist immer noch groß. Seit seiner ersten Stunde wird das Gesetz von seinen Feinden bekämpft, versuchen sie, seine Aufhebung zu erwirken. Ramkaran schildet lebhaft, dass sie immer wieder deutlich machen müssen, dass es im ganzen Land einen Aufstand mit Generalstreik geben wird, sollte es je dazu kommen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass es im Ernstfall genau so kommen würde.

passende Leseempfehlungen:

Artikel Frauenpower in Rajasthan. Eine mächtige Frauenbewegung entsteht – von unten

Artikel Was würde Gandhi zum Barefoot Ansatz sagen? Interview mit Bunker Roy und einem Zeitzeugen

Kerzen und ein Lagerfeuer lassen Kinderaugen leuchten

Der erste Tag des neuen Jahres begann spät, ich schlief bis zehn Uhr. Aber frische Fladenbrote gab es trotzdem, heute sogar besonders feine, mit frischem Kardamom und Gewürzsamen zwischen den Teigschichten. Sehr lecker! Der Tag selbst ist nicht sehr berichtenswert, ich habe den größten Teil davon schreibend  und Fotos sortierend im Telefon-Iglu verbracht.

Am frühen Abend gehe ich wieder in Arunas Garten, dort findet ein kleines Neujahrsfest für die Kinder statt – natürlich wieder mit Lagerfeuer.

Neujahrskerzen werden angezündet

Die Kinder zünden mit großer Begeisterung alle schmale Kerzen an und stecken sie um einen Baum herum.

Kerzenkreis um den Baum beim Neujahrsfest für die Kinder

Es sind erst nur Jungs aber ein paar Mädchen kommen später nach, leider gehen sie auch früher. Auch im barefoot college – einem Hort der Gleichberechtigung – haben es Mädchen schwerer als Jungs. Offenbar werden sie nach Einbruch der Dunkelheit weniger raus gelassen als Jungs, eine andere Erklärung fällt mir nicht ein, vielleicht müssen sie auch beim Zubereiten des Abendessens oder im Haushalt helfen. In der Schule jedenfalls sind die Klassen halbe halbe gemischt.

Ein Schokoriegel ist hier Slowfood

Ich verteile an die Kinder Minibounties, die mit Andacht entgegen genommen werden. Kein Kind reißt das Papier auf und beginnt gleich zu essen. Erst im Laufe der  nächsten Stunde sehe ich ein Kind nach dem anderen vorsichtig den Schokoriegel auspacken und sehr langsam aufessen, gerade zu Kokosraspel nach Kokosraspel. Ich werde nie wieder ein Bounty verschlingen. Weiterlesen »

Festkleidung in 9 Schichten

Wir essen früh zu Abend – um 20 Uhr sollen die Lagerfeuer entzündet werden. Draußen im Garten trudeln die ersten Gäste ein. Ich verschwinde noch einmal kurz, um mich umzuziehen. Die Nacht ist mondhell und sternenklar – aber lausekalt. Es empfiehlt sich eine Schichtbekleidung. 

in 9 Schichten Festkleidung mit Aruna - nachts ist es kalt in der Halbwüste Rajasthans

Also ziehe ich Lage über Lage an, über Strumpfhosen und Jeans kommt eine neue blaue Hose aus dem college shop, über die Pullover und warmen Unterhemden kommt ein zweischichtiges Oberteil, ebenfalls eine Neuerwerbung. Eine Totakette wird um den Hals gehängt und an jeden Ohrring ein Tota-Vögelchen montiert, dann noch einen Schal und das obligatorische Tuch umgeworfen (das blaue, das mir Bunker Roy von seiner Afrikareise mitgebracht hatte) und fertig bin ich – festlich gekleidet in 9 Schichten. Schlank macht das nicht gerade, aber darauf kommt es hier auch nicht an. 

Die Madonna von Tilonia

Um 20 Uhr ist der Festplatz voller Menschen, es wird geschnattert und gelacht und auf das Feuer gewartet. Unter den wartenden sehe ich eine Frau mit zwei Kindern, für mich fortan die Madonna von Tilonia. Das Bild spricht für sich selbst. Diese Mutter ist eine der Night School Drop Outs, die ich auch beim Herstellen von Kalendern fotographiert habe. Ihr Blick ist magisch. Dieses Bild mußte ich auch einfach größer hier abbilden, auch wenn das Laden dann länger dauert. 

die Madonna von Tilonia

Die Feuer brennen – Happy, happy Solar Engineer

Das Anzünden der vier Lagerfeuer ist schon der erste Höhepunkt, der von Raunen und Begeisterung begleitet wird. Am Feuer ist es warm und heimelich. Die nächsten vier Stunden vergehen im Fluge. Ein Mitarbeiter des Communicationsteams übernimmt die Rolle des Conferenciers.Nacheinander kommen alle Teams zum Einsatz, um sich vorzustellen, etwas zu singen oder zu tanzen. Natürlich gibt es auch das „Solar-Team“ – die Frauen aus Afrika, die länderweise auftreten. Einige von ihnen haben Lieder gedichtet für diesen Abend, so erklingt „Happy happy solar engineer, happy happy India, thanks to the sun for rising, happy happy solar engineer“.

die Solar Sisters aus Afrika feiern mit

Viele der Afrikanerinnen bedanken sich überschwänglich, sie rufen “India atcha! India atcha!“ (Indien ist gut), sie erzählen, dass man sie vor der Reise warnte, es sei gefährlich in Indien. 

Afrikanische Solar Ingenieurinnen beim Sylvesterfest

Sie erzählen, dass sie dankbar und glücklich sind, sehr viel lernen und dass die Menschen in Indien gut und freundlich sind. Sie danken der indischen Regierung für die Co-finanzierung und Bunker als Leiter des barefoot colleges, sie danken allen, die im college leben und sie dabei unterstützen, hier eine Qualifikation zu erwerben, die nicht nur ihr Leben sondern auch das Leben aller ihrer Dorfmitbewohner verändern wird. Sie jubeln sich gegenseitig bei ihren Auftritten zu. 

Auch die Solarkocher-Monteurinnen haben einen Auftritt. In dem indisch-sprachigen Lied verstehe ich immer wieder die Wörter „solar cooker“. Aruna übersetzt mir grob den Inhalt. Auch in diesem Lied geht es darum, der Sonne dafür zu danken, dass sie für ihre Energie quasi kostenfrei zur Verfügung stellt. 

Eine Riesin tanzt in der Sylvesternacht

Einen weiteren Höhepunkt stellt die Vorführung der Puppenspieler dar, die mit einer Riesenfrau einen Tanz spielen. 

Das Puppenspielerteam fasziniert mit einer tanzenden Riesin

Kurz vor Mitternacht schlagen die Trommeln, es wird im Kreis getanzt und bald tanzt ein Mann mit einem gelähmten Bein und seinem über 2 meter langen Gehstock ausgelassen in der Mitte. 

Mann mit Stock beim Neujahrstanz

Er hatte schon vorher ein Solo getanzt und mich dabei ebenso beeindruckt wie ein taubstummer Mann, der in perfektem Rhythmus zur Trommelmusik tanzte und mich schon fast an Michael Jackson erinnerte. Es gibt viele Menschen mit physischen Handicaps im barefoot college. Sie sind Teil der Gemeinschaft wie alle anderen, fröhlich und selbstbewußt, von allen respektiert und gehen ihrer Arbeit nach wie jeder andere auch. 

Sylvester endet ohne Alkohol  und Böller – das neue Jahr beginnt mit Mondfinsternis

Um Mitternacht wünscht Aruna allen ein Frohes Neues Jahr und lädt zur traditionellen Neujahrssüßigkeit ein. Jeder beglückwünscht jeden. Alkohol fließt keiner, auch andere Getränke gibt es nicht zum Anstoßen. Zwischendurch gab es Milchtee zum Aufwärmen. Hier knallen keine Böller durch die Nacht und hier ist die Feier auch mit dem Beginn des Neuen Jahres vorbei. Die Musikanlage wird um 00:10 abgebaut, die Lichterketten auch, schon eine Viertelstunde nach Mitternacht ist der Festplatz fast menschenleer. Eine Handvoll räumt noch auf und ein paar Teammitglieder von Aruna Roy versammeln sich um die runde Feuerstelle.

Neujahrsmond

Wir schauen alle ständig zum Mond. Es ist eine Vollmondnacht und jemand hat erzählt, dass es gleich eine partielle Mondfinsternis geben soll. Als sich herausstellt, dass sie erst um 1:25 beginnt und auch nur schlecht zu sehen sein soll in Indien, ziehe ich mich zurück. Ich bin totmüde, obwohl es in Deutschland ja erst 20:30 Uhr war. So schnell kann man sich umgewöhnen. Aruna hat mir auch noch 2 Extrabettdecken besorgt, so schlafe ich zum ersten Mal ohne Socken und Pullover und habe es mollig warm. Das neue Jahr kann kommen.

Happy New Year 2010!

 Leseempfehlungen

Artikel Vorbereitungen für das Neujahrsfest 31.12.2009

Artikel Neujahrsfest für die Kinder – 01.01.2010

Aruna – eine der 1000 Women of Peace

Gegen 18 Uhr sind wir wieder bei Aruna eingeladen. Diesmal sind wir im Haus. Es ist wunderschön eingerichtet, mit traditionellem Kunsthandwerk, bestickten Vorhängen, Stühlen made in Tilonia – mit bestickten Ledersitzen sowie sehr vielen Büchern. Aruna erzählt mir von ihrer Kindheit, vom kosmopolitischen Geist ihres Vaters, der so wie sie zwar Inder mit Leib und Seele ist, dem jedoch trotzdem keine Kultur fremd war. Er reiste viel um die Welt (damals ein wesentlich umständlicheres Unterfangen als heutzutage) und sprach mehrere Sprachen.

Aruna Roy in ihrem Garten

Im Elternhaus von Aruna spielte man Bach, Chopin und Tschaikowski genauso wie klassische indische Musik oder Musik anderer Völker. Sie erzählt auch von ihrer Mutter, die ihr früh beibrachte, dass sie unbedingt immer arbeiten soll und ihr eigenes Geld verdienen aber auch alles lernen soll, was man so im Haushalt können muss. Beide Eltern haben ihren Einfluss hinterlassen. Aruna Roy ist eine bemerkenswerte Frau, voll Wärme und Charme aber auch hoch gebildet, rhetorisch begabt, von starkem Willen und von der Leidenschaft beseelt, die Situation der Arbeiter und Bauern – insbesondere aber die der Frauen in Indien zu verbessern. Sie gründete eine der Organisationen, die später erfolgreich das Recht auf Information im Staat Rajasthan durchsetzten und war eine der „1000 Peace Women“ die für den Friedensnobelpreis nominiert waren und hat für ihr Engagement viel Anerkennung erhalten. Wer sich für das spannende Leben von Aruna Roy interessiert kann in einer Biograpie  mehr darüber lesen oder bei Wikipedia  . Für sie typisch ist ein Satz, der im Wohnzimmer auf einem Schrank steht „you have to know the rules so to break them properly“. Kein Wunder, dass Bunker sie einen David nennt, der es auch mit den Goliaths erfolgreich aufnimmt.

Bunker Roy, Gründer des Barefoot College

Etwas später kommt ihr Mann, Bunker Roy, von einem Tag in Jaipur zurück. Aruna hat viele Jahre im barefoot college gemeinsam mit Bunker gearbeitet. Seit 1983 ist sie jedoch beruflich in eigener Initiative unterwegs, was sie häufig in die Region führt. Ihr Leben spielt sich jedoch nach wie vor im college ab, sie kennt jeden, groß oder klein mit Namen und Geschichte. Beiden ist gemeinsam, dass weder Religion, noch Kasten noch Geschlecht für sie irgendeinen Grund für eine Unterschiedsbehandlung darstellen – wenn dann im Sinne der affirmative Action.

Bunker Roy ist dem barefoot college zwar seit der Gründung durch ihn selbst treu geblieben, aber gerade dieses konsistente Engagement treibt ihn ständig rund um den Globus.

Bunker Roy liest Newsweek - das Barefoot College ist Finalist im BBC World Challenge 2009

Mal ist er bei Konferenzen, internationalen Organisationen oder Unternehmen unterwegs, um für das barefoot college Unterstützung einzuwerben oder den erfolgreichen Ansatz der Dorfentwicklung durch Empowerment und Solartechnologie zu verbreiten, oder ist er in Entwicklungsländern unterwegs, um neue Kandidatinnen für die Ausbildung zur Solaringenieurin zu finden oder um laufende Projekte zu besichtigen.

Barefoot College Solar Engineers finden sich schon in über 20 der ärmsten afrikanischen Ländern, aber auch in Bolivien, Afghanistan oder Bhutan. Für seinen Einsatz wurde Bunker mit allen möglichen Auszeichnungen bedacht. Im September erhielt er in Hamburg auf der europäischen Solarenergiekonferenz den renommierten Robert Hill Preis. Trotzdem erscheint Bunker auch auf Galadinners bei solchen Konferenzen stehts in tradioneller indischer Kleidung, er spricht direkt und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Er rechnet auch Unternehmern und Politikern vor, dass die Ausbildung einer Solaringenieurin weniger kostet als eine Woche UN Engagement in Afghanistan. Er spricht mit Ironie, meint aber doch seine Sache immer sehr ernst, z.B. wenn er im Scherz sagt, die Köpfe der Puppen im barefoot college seien aus Altpapier, nämlich aus Worldbank Reports hergestellt worden.

Sein Vorbild ist Gandhi, den er gern und häufig zitiert mit folgendem Satz:  “First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win.”

Mehr über Bunker erfährt man weniger auf Wikipedia (die Seite ist spärlich und enthält einige falsche Daten u.a. die vermeintliche Trennung von seiner Frau Aruna). Biographisches über Bunker Roy kann man bei Community Hero lesen, sein Denken versteht man besser, wenn man einen Artikel von ihm über das Empowerment der Dörfer liest, den er für United Nations Chronicle schrieb. Empfehlenswert sind aber auch die verlinkten Videos auf diesem Blog (siehe rechter Seitenrand bei Links), insbesondere die dort verlinkte Rede.

Als im übrigen von der vermeintlichen Trennung des Aktivistenpaar erzähle, gibt es herzliches Gelächter bei Tisch. Wieder was gelernt, Wikipedia ist auch keine Bibel.

Das Telefonhaus – Ort der Kommunikation

Der letzte Tag des Jahres verläuft für mich zumindest tagsüber ereignisarm. Ich sitze viel im Telefonhäuschen und schreibe an meinen Texten, lade Bilder hoch und zeige Lalchand Bagdi, dem Schicht habenden Telefonmann die neuen Webtexte auf diesem Blog. Es fasziniert ihn immer wieder neu, wie er Bild und Text im Internet erscheinen sieht, die ich bei ihm erst zusammengefügt bzw. geschrieben habe. Als ich ein Bild von seinem Tisch machen möchte, setzt er sich schnell dazu und nimmt einen Hörer in die Hand. Das ist in der Tat authentischer, denn eines der 3 Telefone klingelt immer.

Der Telefonhausmanager Lalchand Bagdi

Hier ist den ganzen Tag reger Betrieb. Es kommen Anrufe für die Collegebewohner hier an, dann wird jemand geschickt, den oder die Angerufene(n) zu holen, die atemlos herbeieilen. Bis abends um 22:00 ist das Telefon-Iglu geöffnet. Manchmal ruft mich auch Bata hier an und sagt mir Bescheid, wann sie mich zur nächsten Mahlzeit abholt. Für einen Anruf in den Rest der Welt kommt man ebenfalls ins Häuschen, gibt die Nummer durch, der Telefonmann wählt und die Nummer erscheint auf einem kleinen Kasten an der Wand mit digitalen roten Ziffern in Leuchtanzeigen. Dort ist auch erkennbar, wann eine Verbindung hergestellt wurde und wie lange sie dauert. Ist ein Gespräch beendet, fängt nach dem Auflegen eine kleine Rechenmaschine an zu rattern und spuckt die Quittung für den Anruf aus. In einem großen Buch werden Anrufe festgehalten.

Hier sitze ich also Tag für Tag, wenn ich mein Weblog bearbeite und das Internet benötige. Bilder bearbeite ich jedoch in Batas Office. Dort ist es zwar lausekalt und ich wickele mich dabei in diverse Tücher, aber draußen ist es zu hell. Schreiben geht im Freien geht einigermaßen, zumindest, wenn man sich in den Schatten setzt.

Das Baby auf dem Schoß von Lady Di hat Geburtstag

In Handumdrehen ist der halbe Tag vorbei und wieder Mittagszeit. Wir essen bei Aruna im Garten. Bata zeigt mir die Masken, die sie für das Sylvesterfest gebastelt haben – einen ganzen Korb voll.

Bata mit Sylvestermasken

Auf einem kleinen Mäuerchen werden alle Speisen aufgebaut. Sie stehen in kleinen Metallschälchen als Buffet bereit. Fast jeder hat irgendetwas dazu beigesteuert. Es sind immer kleine Portionen aber so kann man viele verschiedene Dinge ausprobieren. Alles ist sehr lecker.

Sylvester Lunch bei Aruna Roy

Aruna hat ein offenes Haus und häufig sind Gäste da. Heute sind Mitarbeiter aus ihrem Team da. Khushbu ist auch da, ihr Name bedeutet „Wohlgeruch“, sie hat heute Geburtstag. Aruna erzählt, dass Khushbu als Baby auf Lady Di’s Schoß saß (Auf dem Foto rechts mit brauner Strickjacke und hellblauem Tuch). Die Princess of Wales war gemeinsam mit Prince Charles auch schon in Tilonia, im barefoot college zu Gast. Heute bekommen alle Frauen, die bei Aruna zu Gast sind, ein Geschenk – mir schenkt sie eine Kette mit einem großen flachen roten Stein, den anderen Ohrringe. Den Schmuck stellen Frauen einer muslimischen Frauenorganisation in Jaipur her.

Viele Tota Glocken klingen für das Fest und schmücken die Bühne

Weiter hinten im Garten der Familie Roy liegt der Festplatz, auf dem den ganzen Vormittag schon fleißig Vorbereitungen für das Fest am Abend stattfinden. Bata hat einen Berg Totas mitgebracht, mit besonders großen Vögeln und hell klingenden Glocken am unteren Ende. Gemeinsam befestigen wir sie rechts und links von der „Bühne“. Die Bühne besteht aus einem großen Stück schwarzen Stoff, daneben steht schon die Musikanlage und einige Scheinwerfer.

der Festplatz wird mit Totas geschmückt

Neue traditionelle Lichterketten werden aufgehängt (die, die ich zuvor für Vogeltränken gehalten hatte) und solche, die wir kennen – sie blinken bunt und etwas hektisch. Aruna ist nicht davon begeistert aber den meisten gefällt es und so bleiben sie da. Es hängen neue Fahnen zwischen den Bäumen mit Neujahrsgrüßen darauf. Auf dem Boden sind 3 riesige Teppiche ausgerollt, hier werden abends alle sitzen, nach Teams geordnet. Den Platz vor der Bühne bekommen die Kinder.

der Festplatz für Sylvester

Bata hat sich heute schön gemacht, mit einer festlichen weiten Hose aus schwarzem Stoff mit kleinen effektvollen Stickereien, die in der Sonne funkeln. Ich habe das Bedürfnis, zur Feier des Tages etwas Anderes anzuziehen – aber natürlich muss es auch traditionell sein, ich will ja nicht aus der Rolle fallen. Wenn frau der Überzeugung ist, sie hat nichts anzuziehen, geht sie erst mal einkaufen. Eine bessere Ausrede gibt’s schließlich nicht. Genau das mache ich auch und wandere in die Kleiderabteilung des college shops. Dort finde ich jede Menge kurzärmeliger Kleider aber leider wenig langes. Ich muss ein wenig kombinieren und während ich so rechts und links von mir kleine Stapel von Kleidung aufbaue, die in die nähere Auswahl kommen, erhalte ich einen Anruf aus Deutschland. Mein erster Neujahrsgruß und ich freue mich ein Schneekönig, (Schneekönigin sage ich mit Absicht nicht, das hat so eine negative Konnotation auch wenn es grammatisch richtiger wäre). Die Verbindung ist besser, als manchmal in Berlin und während wir miteinander reden, geht mein Gesprächspartner ins Internet und stöbert in meinem Blog. Wir sind beide restlos begeistert, was Technik heute möglich macht. Ich erzähle in bester Tonqualität von meinen Erlebnissen und nebenbei kann er im Internet schon die Fotos sehen zu den Geschichten, die ich erst am Vortag erlebt habe. Faszinierend.

Meine Kleiderauswahl ist mühsam. Am Ende gehe ich mit einem Arm voll Sachen nach Hause, natürlich müssen auch ein paar Totaketten dabei sein. Zum Schönmachen gehört auch Haarewaschen, das ist hier etwas komplizierter als daheim. Ich ziehe mit meinem großen Eimer zur Warmwasserleitung, die auf der anderen Seite des Guesthauses im Hausflur steht. Das Wasser wird durch eine Solaranlage auf dem Dach erhitzt. Jetzt, zur Nachmittagszeit, ist das Wasser besonders heiß. Ich verbrühe mich fast. Es dauert eine Weile bis mit mein Eimer vollgelaufen ist, zumal zwischendurch ein Stockwert tiefer jemand die gleiche Absicht hat und mein Wasserstrahl versiegt, solange er unter mir den Hahn aufdreht. Mit dem Eimer heißes Wasser ziehe ich in mein Bad. Der Eimer wandert auf die Fensterbank, und das Experiment kann beginnen. Wer lange Haare hat und sich einmal belustigen will, sollte auf diese Weise seine oder ihre Haare waschen. Meine Versuche durch Kopf-in-den-Eimer-versenken meine Haare wieder schaumfrei zu bekommen, gaben bestimmt ein Bild für Götter. Ich beschließe das nächste mal eine Tasse aus der Küche zu organisieren, damit kann man sich effektiver Wasser über den Kopf giessen als aus meinen eher kleinen Händen.

Aber irgendwann ist auch das geschafft. Der Fön funktioniert anstandslos auch an einheimischen Steckdosen, nur die Haare fliegen danach in alle Himmelsrichtungen. Aber so what.

Leseempfehlung

Artikel: Das Fest beginnt – Sylvester 2009

Artikel: Neujahrsfest für die Kinder – 01.01.2010