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Posts Tagged ‘Informationsfreiheit’

Das barefoot college wird von unten gemanaged

Wieder habe ich zehn Stunden am Stück geschlafen, die Umgewöhnung nach der Rückkehr wird nicht leicht sein. Es gibt die obligatorischen Fladenbrote zum Frühstück bevor ich zu Bunker Roy ins office gehe. Bunkers Büro ist am Rand des barefoot colleges, nahe bei seinem Wohnhaus. Auch hier wird ebenerdig gesessen bei der Arbeit, auf flachen Kissen mit ein oder zwei Nackenrollen im Rücken. Die Sitzweise ist exemplarisch, hier wird kein hierarchischer Abstand gepflegt, ohnehin wird das barefoot college vorwiegend von der community selbst gesteuert.

das Büro von Bunker Roy

Bata kommt auch in Bunkers Büro und zeigt mir einige historische schwarz weiß Fotos aus dem barefoot college, es sind wunderbare Bilder dabei, sie wirken wie vor 100 Jahren aufgenommen und sind doch erst 20 oder 30 Jahre alt. Ich sehe Jugendbilder von Aruna und Bunker, auch von Batas Eltern und anderen, die ihr halbes Leben schon in Tilonia verbracht haben. Einer von ihnen ist Ramkaran, seit er 14 Jahre alt ist, lebt und arbeitet er im barefoot college, seit über 30 Jahren. Bunker meldet mich telefonisch bei ihm an, er wird mein nächster Interviewpartner und soll mir alles zum Thema Regenwassergewinnung erzählen.

Ramkaran in seinem Büro - zuständig für Womens Issues und Rainwater Forresting

Ramkaran hat sein Büro direkt hinter dem Telefon-Iglu, es ist klein und bietet neben seinem Arbeitsplatz nur noch Raum für viele Akten.

An den Wänden hängen Poster mit Fotos von Frauentreffen der vergangenen Jahre. Er ist nicht nur für das Thema Regenwassergewinnung zuständig sondern auch für das Women Development Program. Seine beiden anwesenden Mitarbeiter werden mir vorgestellt – Rami kümmert sich vor allem um die Frauengruppen, Naru um Aufgaben, die mit dem National Rural Employment Guarantee Act zusammenhängen.

Naru im Büro von Ramkaran, zuständig für Umsetzung des Nationalen Gesetzes zum Recht auf Arbeit für die Landbevölkerung

Wir unterhalten uns eine Stunde über Frauenrechte, Arbeiterbewegung und das Gesetz zur Informationsfreiheit, -bis zur Gewinnung von Regenwasser kommen wir nicht.

Wir beschließen das Gespräch in 3 Tagen fortzusetzen, da Ramkaran die kommenden beiden Tagen auswärts ist. Unterbrechen wollte ich nicht, dafür war es viel zu spannend.

Zwei Gesetze bringen neue Chancen für die Landbevölkerung

Vor 30 Jahren stieg in ganz Indien die Landarmut. Es gab Mißernten und Bauernfamilien hungerten. Wie in solchen Situationen häufig, kam es zur Landflucht und viele Bauern siedelten in die Großstädte, wo sie in Elendsquartieren hausten, die ständig größer wurden. Das Problem nahm überhand und der Unwillen des Volkes wuchs im ganzen Land. Es entwickelte sich eine Graswurzelbewegung, die schließlich nicht nur auf der Distriktebene sondern auch auf Landes- und Bundesebene aktiv war. Die Bewegung wurde getrieben und unterstützt von Organisationen wie der von Aruna Roy gegründeten Workers and Farmers Association und dem von Bunker Roy gegründeten barefoot college.

Es dauerte jedoch mehr als 20 Jahre Auseinandersetzung, Forderung und Kampf, bis endlich, 2005, ein bahnbrechendes Gesetz auf Bundesebene verabschiedet wurde. Es verschafft jeder Familie im ländlichen Raum im gesamten Bundesgebiet das Recht auf 100 Tage nach Mindestlohn bezahlter Arbeit (100 Rupien je Tag, 10.000 Rupien im Jahr). Diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind von der öffentlichen Hand zu organisieren, sie dürfen keine Qualifikationen erfordern und bei Entfernungen über 5 km vom Wohnort der Freiwilligen müssen kostenfreie Transportmöglichkeiten bestehen. Damit war allen von Landwirtschaft und Kleinhandwerk abhängigen Familien in schlechten Zeiten eine Überlebensmöglichkeit geschaffen, ohne ihre Heimat verlassen zu müssen.

Rami im Büro von Ramkaran, zuständig für Womens Issues

Gleichzeitig war es eine enorme Chance für Frauen, eigenes Geld zu verdienen.

In der Gegend um Tilonia werden 80-90% dieser Arbeitsplätze von Frauen genutzt, im übrigen Gebiet von Rajasthan sind es ca. 75%. Das liegt gerade an der gesetzlichen Pflicht, diese Maßnahmen zur  Arbeitsbeschaffung in der Nähe der Wohnorte anzusiedeln oder sicheren Transport bereitzustellen. Durch ihre doppelte Verantwortung für Haushalt und Kinder, sind Frauen weniger mobil als Männer, die auch weiter entfernte Arbeitsplätze in Anspruch nehmen können. Da je Familie immer nur eine Person diese 100 Tage in Anspruch nehmen kann, ist das Gesetz eine umfassende Aktion zur Förderung von Erwerbstätigkeit von Frauen und damit insbesondere der Gesundheit in der Familie und der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern.

Zwei Gesetze verbessern seit 2005 die Lage der Landbevölkerung in Indien

Ein zweites Gesetz mit sehr großer Auswirkung auf das ganze Land wurde ebenfalls 2005 auf Bundesebene verabschiedet: das Gesetz über das Recht auf Information. Auf Bundesebene wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Millionen Rupien in die dörfliche Entwicklung investiert – aber sie wurden immer erst den einzelnen Bundesstaaten zugeordnet, dann den Distrikten und von dort den einzelnen Dörfern. Bei jeder einzelnen Station wurde das Geld erheblich weniger, förderte Korruption ihren Tribut, versickerten Investitions- und Hilfsbudgets in undurchsichtigen Kanälen. Dort wo man das Geld brauchte, kam nur noch wenig an, wo der Rest blieb, ließ sich nicht herausfinden.

Insbesondere Aruna Roy hatte es sich daher mit ihrer Organisation zur Aufgabe gemacht, für ein landesweites Transparenzgesetz zu kämpfen. Auch dieser Kampf dauerte mehr als zwei Jahrzehnte und wurde gewonnen. In Anhörungen vertrat Bunker Roy das barefoot college, in dem bereits über 20 Jahre alle Finanzströme offengelegt werden und wo in der Community über die Mittelverwendung gemeinsam entschieden wird. Bunker Roy nahm die Bücher der letzten zehn Jahre mit und zeigte allen Zweiflern an der Machbarkeit, dass ein Social Audit möglich ist, Dorfgemeinschaften verantwortungsvoll über Mittel entscheiden können und dass Transparenz der Sache dient. Jede Rupie, die an das barefoot college floss, egal aus welcher Quelle, wurde nachweislich zweckbestimmt ausgegeben. Damit war dem Hauptargument der Reformgegner die Basis entzogen.

Seit in Krafttreten des Gesetzes vor nunmehr fünf Jahren wird in Indien Geld anders ausgegeben, ist die Korruption enorm zurückgegangen und kommen mehr Mittel als bisher dort an, wo sie auch benötigt werden. Der Bedarf ist jedoch enorm und der Filz ist immer noch groß. Seit seiner ersten Stunde wird das Gesetz von seinen Feinden bekämpft, versuchen sie, seine Aufhebung zu erwirken. Ramkaran schildet lebhaft, dass sie immer wieder deutlich machen müssen, dass es im ganzen Land einen Aufstand mit Generalstreik geben wird, sollte es je dazu kommen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass es im Ernstfall genau so kommen würde.

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