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Posts Tagged ‘Kunsthandwerk’

An meinem letzten Tag in Tilonia muss ich natürlich unbedingt noch einen Großeinkauf im Craft Shop erledigen.

im Ladeninneren

Ich rechne mit einer halben Stunde aber bin 1,5 Stunden damit beschäftigt – einen Großteil der Zeit nimmt allerdings schon das Schreiben der Quittungen und die Bezahlungsregelung in Anspruch.

Das Problem: ich habe keine Rupien und keine Dollars, nur noch Euro und eine Kreditkarte. Beides sind hier keine akzeptierten Zahlungsmittel. Am Ende lande ich bei Bunker Roy, der pragmatisch entscheidet, dass ich einen Teil mit Euro bezahle und den Rest auf Rechnung kaufen kann und das Geld später überweise. Jede Quittung wird langsam und ausführlich geschrieben, dazu mein Name und eine Telefonnummer, die Adresse – für alle Fälle. Dann werden alle Quittungen noch einmal neu geschrieben, weil ein Teil meiner Einkäufe per Paket hinterhergeschickt wird. Das Porto festzustellen, ist nicht so einfach – aber wichtig, denn davon hängt auch ab, wieviel Gepäck ich mir bei der Reise zumute.

Kissen…Kissen…Kissen

drei Kissen - das rote in der Mitte gibt es jetzt auch bei mir zuhause

Waren werden gewogen, ein Assistent wandert zur Poststelle, kommt nach einer gefühlten Ewigkeit zurück mit einer Tabelle voller kleiner Zahlen – Gewichten und Versandarten und all ihren möglichen Kombinationen. Der Shop-Buchhalter muss viel rechnen – der Gegenwert der Euros in Rupien und die Restsumme erst in Rupien und dann wiederum in Euro– ich stehe daneben und sitze innerlich auf Kohlen.

drei Tierkissen - farbenfrohe Applikationen mit Stickerei

Nebenbei denke ich darüber nach, wie ich meine Einkäufe nach Deutschland bekomme – ich möchte so viel wie möglich mitnehmen, aber das wird eine logistische Herausforderung. Am Ende lasse ich nur eine dünne Steppdecke für den Versand, der Rest wird irgendwie verstaut. Vor dem Bezahlen kam jedoch die Qual der Wahl. Es ist furchtbar schwer, sich zwischen all den schönen Kunsthandwerken zu entscheiden, vor allem, wenn man auf Stickereien steht. Ich habe immer wieder Kissen nebeneinander auf die Erde gelegt (siehe die Bilder weiter oben).

Immer wieder stehe ich vor Entscheidungen, wie diese: soll ich diese Kissen nehmen, nur in Blautönen:

drei blaue Kissen - in typischer Tilonia Ornamentik (Applikationen)

Oder doch lieber jene – gemischt mit rot und grün?

drei Kissen in gemischten Farben

Decken, Vorhänge und Wandbehänge habe ich immer wieder auf der Erde ausgebreitet, bewundert und überwiegend wieder zusammengefaltet und weggelegt, man kann nicht alles haben, was man schön findet. Ich überlege im Geist, wen ich alles in Deutschland beglücken kann mit tilonischen Mitbringseln und so entsteht langsam ein Stapel in der Ecke des Ladens mit wunderschönen Textilien.

Einfache Handwerkstechniken mit großer ästhetischer Wirkung

weiße Decke in Chirni-Applikationstechnik

Eine gigantisch große weisse Decke gehört zu den auserwählten Stücken. Sie besteht aus zwei Schichten Stoff, einer sehr transparenten unteren Schicht – einer Art feinstem Batist – und einer oberen Schicht aus dünner aber blickdichter Baumwolle. In der oberen Schicht wurde der Stoff eingeschlitzt, die Ränder der Schlitze nach innen gefaltet und anschließend mit der Hand festgenäht. So entsteht ein Muster aus mehr oder weniger transparenten Flächen – eine typische Technik in Rajasthan, genannt Chirni, die sehr graphisch und sehr edel wirkt. Meine Decke ziert inzwischen das Bett in Deutschland, sie ist so groß, dass sie auch bei einer Bettbreite von 1,60 Meter rechts und links bis auf den Boden hängt.

farbenprächtige Wandbehaenge - im Haathi Ghoda Stil

Die wunderschönen farbigen Exemplare mussten erst einmal in Tilonia bleiben. Ich konnte sie zwar endlos bewundern, aber in meine Wohnung passen sie dennoch nicht so gut hinein. Ich lief durch den Laden wie durch ein Kunsthandwerkmuseum. Ist die weiße Decke eher von graphischen Mustern bestimmt, so sind die farbigen Wandbehänge mit einer typischen Ikonographie gestaltet, in der immer wieder ähnliche Figuren auftauchen. Diese traditionellen Darstellungen nennt man Haathi-Ghoda. Sie enthalten Palmen, Menschen, Vögel, Katzen, Kamele und immer wieder Elefanten…alles stark stilisiert und fast ornamental gestaltet, aber sehr stark in der Wirkung.

Den Lebensbaum von Tilonia trifft man im barefoot college überall

Kissen und ein Wandbehang mit dem Lebensbaum-Motiv als Applikation

Das häufigste Motiv in Tilonia ist jedoch ein Lebensbaum. Das Design hat Batas Mutter entworfen – es findet sich auf Kissen und auf Wandbehängen und in verschiedenen Farbkombinationen. In der Variante „Großer Baum“ fliegen Vögel über der Baumkrone und versammeln sich Menschen und Tiere um seinen Stamm. Auffällig sind die großen Wurzeln – ganz untypisch für ein hiesiges Baumbild – sind sie offenbar Symbol für Verwurzelung auf der einen Seite und die Verbindung zur Mutter-Erde (und damit zum kostbaren Grundwasser) auf der anderen Seite. Es sind Versionen dieses großen Baum-Wandbehanges, die man an vielen Stellen im barefoot college findet, ja sogar in der Wohnung von Bunker Roy in New Delhi. Es ist gewissermaßen zum Wahrzeichen des barefoot college geworden.

bestickter Lederhocker und Steck-Stuhl mit verzierter Lehne aus Leder

Neben etlichen Kissenbezügen erwerbe ich auch zwei große und zwei kleine Klappstühle – genaugenommen Steckstühle, da sie sich mit einem leichten Handgriff in zwei Teile zerlegen und zusammenstecken lassen.  Dann sind diese urgemütlichen Lümmel-Sessel-Hocker nur noch ein kompaktes Paket von wenigen Zentimetern Dicke. Sehr praktisch – sowas kann ich gut brauchen. Das Grundmodell dieser Stühle stammt aus Saharanpur in Uttar Pradesh – in Tilonia wurde das Design vervollkommnet. Die Rückenlehnen der Tiloniavariante sind aus dickem Leder, das entweder nur mit Lederschnüren und kleinen Löchern verziert ist, oder sehr aufwändig mit Wollfäden bestickt. Beide Varianten sind äußerst haltbar und hinreißend schön. Einen Fernseher habe ich schon seit 10 Jahren nicht mehr, bei uns werden Filme auf DVD und damit am Laptop geschaut. Dafür gibt es im Wohnzimmer eine Lümmelecke – genau dort stehen jetzt die Tilonia Sessel, gemütlicher kann man kaum Filme sehen. Auf dem Bild ist auch ein Hocker – an ihm kann man die Wollstickerei gut erkennen.

Tota heißt Papagei – Das Symbol Indiens ist auch Helfer für den Gott der Lust und Liebe

Totaketten - in allen Längen und Farben - aber immer mit einem Glöckchen am Ende

Last but noch least, muss ich natürlich auch ein paar Totas mitnehmen – die hängen ebenfalls überall herum, an Feiertagen sogar in den Bäumen. Ich suche mir einige lange und kurze Totaketten aber auch kleine Totaanhänger, die ich später in Deutschland an meine Freunde verschenke. Totas sind symbolische Vögel – das Wort steht in Hindi für Papagei.

Kamadeva - Gott der Liebe und der Lust - mit Zuckerrohrbogen und Blütenpfeilen, begleitet vom Pagageien (=Tota)

Totas – Vogelsymbole – sind in der Kunst und im Kunsthandwerk Indiens sehr häufig, sie symbolisieren daher häufig das Land selbst. Der Papagei ist jedoch auch das Tier der Gottheit für Liebe und Verlangen – Kamadeva (Quelle: TOTA Design ).

Ähnlich unserem Liebesgott Amor wird Kamadeva als schöner Jüngling mit Pfeil und Bogen dargestellt, nur dass bei Kamadeva der Bogen aus Zuckerrohr besteht und die fünf Pfeile mit je einer Blüte geschmückt sind, darunter die Blüten von Jasmin, Mango und Lotus.

Betörender kann man wohl kaum einen Liebespfeil abschießen…

So vergingen also munter 1,5 Stunden im Kunsthandwerkladen des barefoot college und inzwischen erfreue ich mich täglich an diesen schönen Erinnerungen. An jenem Tag hatte ich jedoch keine Ruhe – die Uhrenzeiger rasten, ich musste unbedingt noch die deutsche Tonspur für den solarsister Film „Simple Heroes“ aufnehmen. Mohan – der Chef von Bata, war nach kurzer Suche ausfindig gemacht. Der hier eingefügte Film ist die englisch sprachige Version – die Tonspur hat Bunker Roy selbst gesprochen.

Ich hockte mich im Mediacenter auf die Teppiche, Mohan baute seine Aufnahmegerätschaften daneben auf und los ging es. Den ersten Paragraphen musste ich wiederholen –zwischendurch kam laut piepsend ein SMS von Bata, also noch mal von vorn.

Ich gab mir Mühe schön ruhig und langsam zu sprechen und reichlich Pausen einzubauen. Bata hatte mir eingeschärft, auf keinen Fall unter 10 Minuten zu reden, lieber länger als kürzer und ich hatte nur noch 15 Minuten Zeit bis zur Abfahrt des Autos, das uns in ein 1,5 Stunden entferntes Dorf bringen sollte. Ich hatte also nur einen Versuch, für Wiederholung war keine Zeit. Alles lief wunderbar, ich habe ca. 12 Minuten gesprochen, also genau wie von Bata gewünscht. Viel später erzählt mir Bunker, dass es eigentlich genau anders herum war – auf keinen Fall länger als 10 Minuten reden…, keine Ahnung, was jetzt aus meiner offensichtlich zu langen Tonspur wird.

Am Ende wird es doch hektisch, ich renne zurück zum Guesthaus, deponiere meine Einkäufe und mache mich auf den Weg. Vor mir liegt der letzte aber aufregendste Ausflug in Tilonia – ein Besuch bei der amtierenden Premierministerin der Rajasthanischen Nachtschulen, der zwölfjährigen Neraj. Ich habe sie erst auf der Ziegenweide, dann im Hof ihrer Eltern und anschließend in der Nachtschule begleiten dürfen. Das waren unvergeßliche Augenblicke, von denen hier noch berichtet werden wird.

Neraj (12 J.), Premierministerin des Nachtschulen-Kinderparlaments

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Jaipur – Pink City – Teil 1 mit Albert Hall

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Pracht und Armut – Nachbarn am City Palast

 

Das Eingangstor zum Citypalast

 Nach der Albert Hall sind wir zum City Palast gefahren, dem Palast, in dem die vergangenen Maharadjas von Jaipur gewohnt haben und in dem noch heute ein Teil für die Residenz seiner Exzellenz vorbehalten ist.

Der große Rest jedoch ist für touristische Besuche freigegeben und enthält auch einige Sonderausstellungen in Gebäuden, die jeder für sich wie ein kleiner Palast aussehen.

Im Citypalast ist der Eintrittspreis noch etwas höher als in der Albert Hall – er liegt für Ausländer bei 300 Rupien (etwas mehr als 4 Euro), im Preis ist immerhin ein Audio Guide enthalten und einem Schlangenbeschwörer darf man unterwegs auch umsonst zusehen. Schlange stehen wiederum mußte man nicht und ein freundliches „bis bald“ wurde mir von der Audioguide-Verteilerin auch noch hinterher geworfen.

Rikshas auf dem Parkplatz vor dem Citypalast warten auf KundschaftVor dem City Palast ist ein Parkplatz bzw. eine Stelle, auf der man bezahlt parken kann und Platz für ein Gefährt findet. Der Boden ist unbefestigt, uneben und an vielen Stellen mit Unrat bedeckt, Busse stehen dort genauso wie Rikshas, bettelnde Kinder in erbarmungswürdigem Zustand belagern die wenigen Touristen, die dort aus ihren Fahrzeugen steigen und am Rand liegen Obdachlose im Schatten und schlafen. Einen Parkplatzwärter gibt es jedoch trotzdem, er verlangt 50 Rupien worauf hin Bata einen entrüsteten Wortschwall auf Hindi äußert, der ganz offensichtlich blankes Entsetzen über diese Preise enthält. Dem Zustand des Parkplatzes angemessen scheint das Entgelt jedenfalls nicht. Der Palast ist jedoch prächtig in jeder Hinsicht, unvorstellbar, dass es nur wenige Meter vor der Tür so anders aussieht.

Im Inneren des Palastgeländes

Der Palast selbst wurde 1890 gebaut und besteht aus einem ganzen Komplex von Gebäuden, die durch ein Netz von Innenhöfen miteinander verbunden sind. Wikipedia schreibt, dass er „von hohen Mauern umschlossen zwischen schönen Gärten und stolzen Höfen“ steht – da war ich wohl einfach auf der falschen Seite, ich habe von beidem nichts gesehen. (mehr …)

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Pink City Jaipur – das altrosa fällt von den Wänden

in der Pink City blättert das altrosa von den Wänden

Das Frühstück an meinem 9. Tag im barefoot college wird von einer sms von Bata unterbrochen –ich würde heute noch nach Jaipur fahren, sie kommt mit, Bunker hat das so für uns geplant! Ich dachte schon, ich sehe in meinen 11 Tagen Indien nur das barefoot college – so schön es dort auch ist, ein Ausflug ist mir schon sehr recht!

Der Tag wird auf einmal ganz hektisch, ich wollte unbedingt noch 2 fertige Texte vor dem Aufbruch hochladen, aber mit den Bildern dauert das ja alles immer so seine Zeit.

Es wird halb elf bis wir aufbrechen, aber wir kommen gut durch und um 12:00 Uhr mittags kommen wir in der „Pink City“ genannten Stadt an. Ich weiß gar nicht, wer sich mehr freut, Bata oder ich. Auch für sie ist es eine willkommene Abwechslung. Die Stadt ist wunderschön, sie fasziniert aber macht trotzdem hier und da traurig. Auf jeden Fall ein krasser Gegensatz zum dörflichen Leben im barefoot college.

In Jaipur sind manche Gebäude in bedauerlichem Zustand

Die ganze Altstadt ist ursprünglich in altrosa gestrichen worden.

Zum größten Teil ist die Farbe noch erhalten oder im Laufe der Jahre immer wieder in dem Ton nachgemalt worden.

Das „Pink“ im Nickname hat also seine Berechtigung, auch wenn altrosa viel besser passen würde und nicht so schrecklich nach Mädchenabteilung im Großkaufhaus klingt.

Inzwischen ist vom Pink oder altrosa jedoch auch schon viel abgeblättert, die Außenfassaden der meisten Häuser haben ihre schönste Zeit schon sehr lange hinter sich gelassen. (mehr …)

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Tilonia trocknet aus

Der Nachmittag (30.12.2009) stand ganz im Zeichen des Handwerks. Wir brechen nach einem Mittag bei Bunker Roy im schönen Garten zu Fuß auf in den alten Campus, wie immer ist Bata meine Begleiterin. Es ging auf staubigen Wegen über vegetationsfreie Ackerböden, am Feldrand stapeln sich Steine.

Äcker sind trocken und steinig

Wieder erzählt Bata, dass hier früher Mais und Weizen wuchsen, so viel Regen fiel. In diesem Jahr ist die Regenzeit im Juli/August fast ganz ausgefallen. Wir kommen an einem Wasserspeicher vorbei, der einen gigantischen Durchmesser hat und zig Meter in die Tiefe geht. Beim Blick hinunter wird’s einem schwindelig. Vor 1,5 Jahren, in der vorletzten Regenzeit, war der Speicher voller als er heute noch hoch ist. Ein Pfahl zeigt die Wasserhöhe vom August 2008 ca. 2 meter über dem Erdboden an. Inzwischen ist ein Teil der Wände, die über den Boden ragten abgerissen. Der Wasserstand ist mindestens 20 Meter tief gesunken. Es glänzt weit in der Tiefe.

frühere Wasserstände an der Speicherwand

Viele Bauern müssen sich ganz oder teilweise andere Tätigkeitsfelder suchen, um nicht zu verhungern. Umso wichtiger ist die Rolle des barefoot college als Arbeitgeber und Ausbildungsstätte für das Handwerk. Hier werden alte Traditionen weitergegeben und durch Modernes ergänzt.

Tilonia ist für mich eine ungewöhnliche Mischung aus Moderne und Vergangenheit. Auf der einen Seite gibt es ein schnelles WLAN, auf der anderen altes Handwerk, kein Besteck und Frauen, die auf dem Kopf Bügeleisen tragen, wie wir sie aus dem Museum kennen.

Museumsbügeleisen sind hier noch im Betrieb

Unser Weg führt uns an der Dayschool vorbei, in der die Kinder auf dem Schulhof lärmen. Ein Besuch bei Day- und Nightschool stehen später auf dem Programm.

Tierisches aus Textil: Vogel-Totas und Elefantendecken

Wir besuchen zuerst die Textilwerkstätten, im größten der kolonialen Gebäude. Auf der Vorderseite ist die Bankfiliale von Tilonia untergebracht, im rückwärtigen Bereich und im Obergeschoss arbeiten die Textilhandwerkerinnen. Unten wird geschneidert und genäht (dort entstand mein Gewand) aber hier werden auch Totas gebastelt, lange Ketten aus kleinen Vögeln, die mit Perlen als Abstandshalter auf eine bunte selbstgedrehte Kordel gezogen werden.

Material für die Totas - Ketten aus kleinen Stoff-Vögeln

Die Vögelchen sind wieder aus Stoffresten, die Füllung ist ebenfalls aus recycltem Material. In der YouTube Serie „Frauen aus Tilonia“ gibt es einen Film über Bhawar Kanwar, die in einem der umliegenden Dörfern die Herstellung von Bell-Totas koordiniert. In dem 3-minütigen Film kann man sich die Produktion einmal anschauen – von der Füllung aus getrockneten Pflanzenteilen bis zum Auffädeln der Vögelchen zu Ketten.

Die Frauen arbeiten ohne Hektik und in entspannter Atmosphere, dabei wird Tee getrunken, den ich leider ablehnen muss – er ist wie hier üblich mit Milch gekocht. Ein Junge sitzt dabei und schaut zu, nein, er hat nicht mit gearbeitet, Kinderarbeit habe ich bisher in Tilonia nicht gesehen.

Handwerkerin beim Herstellen von Tota-ketten

Von den Tota-Frauen steigen wir die steinerne Treppe hoch bis unter das Dach des höchsten Gebäudes im Campus. Dort arbeitet Batas Mutter nun schon seit 30 Jahren und entwirft das Design für immer neue Bettüberwürfe. In vielen Farbkombinationen gestaltet sie Ornamente, mythische und Tiergestalten, die als farbige Applikationen auf Decken gesteppt werden und mit einem mehrreihigen Steppstich als Zierstich umrandet oder künstlerisch ergänzt werden.

roter Bettüberwurf mit Elefantenapplikationen

Hier unter dem Dach entstehen tatsächlich nur die Entwürfe. Batas Mutter entwirft eine Decke erst im Kopf, dann auf dem Stoff, sie schneidet die Streifen und zu applizierenden Stoffstücke zu und befestigt sie mit einem Heftstich am Untergrund.

Entwurf und Vorproduktion der Decken macht Batas Mutter

Frauen aus umliegenden Dörfern holen diese Rohware ab und fertigen in Heimarbeit die Näharbeit an den Decken – ohne maschinelle Hilfe. Natürlich verliebe ich mich sofort in eine Decke – in den Laden wollte ich ja ohnehin noch einmal gehen. Mein Favorit hat viele kleine Elefanten appliziert. Sie sind aus blauem Stoff appliziert. Diese Decke sieht sogar von hinten schön aus.

Elefantendecke von hinten

Auf dem Weg zu den anderen Werkstätten begegnen uns die Kinder, die gerade aus der Schule kommen. Neugierig schauen sie die Ausländerin an. Sie sind hier schon privilegiert, da sie in die Dayschool gehen können. Viele Kinder müssen tagsüber arbeiten und Ziegen oder Schafe hüten, für sie bleibt nur die Nightschool, wenn sie etwas lernen wollen.

Wenn man neben den Kindergesichtern die offensichtliche Armut sieht und dann an den Überfluss in Deutschland und an vielen anderen Orten auf der Welt, kann man schon schier verzweifeln. Man kann als Einzelmensch nicht die ganze Welt retten. Aber ein bisschen was kann und sollte jeder tun. Wir haben schließlich nichts dafür getan, dass wir in unserem Teil der Welt geboren wurden.

Schulkinder gehen nach Hause

Wer jetzt konkret in Tilonia helfen will, der sei noch einmal auf mein barefoot college Spendenprojekt bei betterplace hingewiesen. Dort kann man auch kleine Summen spenden. Es gehen garantierte 100 % der Spenden direkt in das barefoot college, ohne jeden Abzug.

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Der Alte Campus – Fundort für die Handwerkskünste Teil 2

von kunsthandwerklichen Schätzen und Kamadeva – Gott für Lust und Liebe

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 Puppenbauen unter einem Militärflieger

Der Tag begann etwas später, ich weigere mich einfach, einen Wecker zu stellen und mein Körper meint gerade unter 9 Stunden sei ihm nicht genug. Aber auch nach der Frühstückszeit gab es für mich noch 3 frisch gebackene Fladenbrote und extra Tee ohne Milch.

Dann erlag ich dem Zauber des Puppenspiels. Bata brachte mich zur Communications Abteilung, zu der auch das Puppenspiel gehört. Schon auf dem Weg trafen wir auf zwei Hersteller neuer Puppen, sie arbeiteten direkt neben einem alten Militärflugzeug. Das steht reichlich unmotiviert auf dem campus herum. Der Vater eines barefoot college Bewohners (ein früherer Offizier bei der indischen Luftwaffe) hatte es für die Kinder als Lehrobjekt herbeigeschafft. Kinder haben es inzwischen mit Verzierungen versehen und durch ihre Hangelei die Spitze verbogen.

Puppenbauen unterm Flugzeug

Die Puppen werden wie viele der Kunsthandwerke im barefoot college aus Abfallmaterial hergestellt. Die Köpfe sind aus Pappmaché, das durch Zerstampfen von Altpapier und Kleister in einem Steintopf entsteht.  

Pappmache Herstellung

Die Köpfe aus Pappmaché werden erst geformt und geglättet, später angemalt.

Puppenköpfe entstehen

Danach werden die Kleider aus recycleten Stoffen geschneidert und fertig ist eine neue Puppe.

frisch bemalte Puppen

Noch bunter wird es in der Theaterwerkstatt selbst. Besucher aus Washington sind da, so dass wir eine kleine Extravorstellung bekommen. In der Werkstatt hängen die Wände voller Puppen, eine Reihe voller Könige…

Königspuppen

Eine Reihe voller Frauen in bunten Kleidern…

Frauenpuppen

Eine Wand ist von oben bis unten voller Puppen.

eine Wand voller Puppen

Mitten drin finden sich Puppen, die Bunker Roy und seine Frau Aruna darstellen.

Bunker Roy und Aruna Roy als Puppen

Königspuppen waren gestern – heute spielt die Gegenwart auf der Bühne

Wir erfahren, dass in der früheren, traditionellen Puppenspielerei hauptsächlich die Königspuppen in Einsatz kamen. Sie haben Holzköpfe und sind aufwändig gefertigte Marionetten. Für ihre Herstellung und um mit ihnen gut zu spielen braucht es Jahre der Übung und des Lernens. Hier im barefoot college will man aber nicht nur Puppenspielen um der Unterhaltung willen, sondern man möchte damit durch die Dörfer ziehen, um Aufklärungsarbeit zu leisten, die indirekt erfolgt, die Menschen begeistert und dadurch eine größere Chance hat, auch bei ihren Adressaten anzukommen. Deshalb, so heißt es dann, sind für diese Puppenspiele auch andere Puppen hergestellt worden. Einfacher in der Machart und auch in der Handhabung. Es sind Handpuppen mit Köpfen aus Pappmaché – eben solche, wie die, die gerade draußen vor dem Haus entstanden. Mit einem Lächeln erzählt man uns auch, dass die Köpfe aus Zeitungen und klugen Büchern enstanden und daher das ganze Wissen jetzt in den Köpfen der Puppen steckt. So können sie es denen erzählen, die keine Zeitungen lesen und keine Bücher kaufen können – den Ärmsten auf dem Land.

Seit 20 Jahren ziehen die Puppenspieler des barefoot colleges schon durch die Dörfer, über 70.000 Zuschauer haben sie begeistert. Viele kennen das barefoot college nur über die Geschichten, die seine Puppenbotschafter erzählen. Inzwischen hat das college auch schon viele andere Puppenspieler ausgebildet, um mehr Menschen in noch mehr Dörfern erreichen zu können.

Puppenspiel für Frauenrechte und Gesundheitsschutz

Die Themen sind vielfältig und reichen von Gesundheitsschutz bis zu Kinderrechten, Bürgerrechten (vor allem das Recht auf Information und der Schutz vor Korruption) bis hin zu Themen rund um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, den Schutz von Mädchen vor Kinderheirat und die Überwindung der Diskriminierung wegen Kastenzugehörigkeit. Hierzu wurden passende Puppen entwickelt – von der Kinderbraut bis zum Bauern.

Kinderbraut mit Bräutigam

Vier Männer führen uns gemeinsam ein indisches Volkslied vor, in dem davon die Rede ist, dass die Spaltung zwischen Arm und Reich beendet werden kann und Armut kein Schicksal ist, das man geduldig ertragen sollte. Einige kleine Stücke mit den Puppen werden ebenfalls gegeben. Ich wünschte, ich würde alles verstehen, manche waren auf Urdu oder Hindi…schön sah es trotzdem aus. Ich habe auch kleine Videos mitgeschnitten, bei Gelegenheit finden sie sich in meinem YouTube Channel . Stolz erzählen einige der barefoot college Puppenspieler, dass sie schon mehr als einen Monat in Deutschland verbracht haben, als sie bei der Expo eingeladen waren, um ihr Land zu vertreten.

Cia Cia spielt sich selbst

Dazu gehört auch Cia Cia, der die ihn selbst darstellende Puppe mit hinreißendem Charme spielt. Sie schafft es am Ende, mir ein paar Küsse zu rauben 🙂

Zum Abschied bekam ich noch das verlockende Angebot, selbst eine Puppe zu gestalten. Das Angebot nehme ich bestimmt an, wenn irgendwie dafür Zeit ist. Aber ich habe noch einiges vor, das college ist größer als man denkt und zwischendurch ist ja auch noch ein Neujahrsfest zu feiern.

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Kaltstart in den Tag –  29.12.09

Über meinen heutigen Tag habe ich bisher nur wenig erzählt. Für die Neugierigen also mein Tag im Zeitraffer. Ich bin erstaunlich munter in den Tag gestartet, obwohl es nach deutscher Zeit noch mitten in der Nacht war. Neun Stunden Schlaf sind einfach genug. In meinem Bad gibt es nur fließend kaltes Wasser, das macht auch wach. Das Bad ist eine Tür neben meinem Zimmer, es ist spartanisch, die Spülung erfolgt mit einem Eimer. Ich putze mir mit kaltem Wasser in dem kalten Raum klappernd die Zähne. Später erfahre ich, dass es auf dem Flur einen Wasserhahn gibt, aus dem warmes, solarbeheiztes Wasser fließt. Das vergesse ich bestimmt nicht – heute abend ist der Hahn fällig.

Das Frühstück ist für die anderen um 8:30 Uhr schon vorbei. Es gibt wieder Fladenbrot aber diesmal in Öl gebacken, dazu etwas Kohlgemüse vom Vorabend und den obligatorischen Tee (für mich wieder ohne Milch). Ich spaziere danach durch das Campus, es gibt immer noch so viele Stellen, die ich nicht gesehen habe. Dabei entdecke ich die Ornamente in Batas Hof. In ihrem Büro setze ich mich eine Weile zum schreiben und Fotos sortieren hin, während Bata arbeitet. Leider ist dort das WLAN ausgefallen und irgendwann ist auch mein Laptop Akku leer, also ziehe ich um ins Telefonhüttchen. Dort holt mich Bata mittags ab, wir sind beide bei Aruna und Bunker Roy eingeladen, eine Dramaturgin und Theaterprofessorin aus Delhi ist auch zugast. Der Garten ist paradisisch (siehe mein Blogpost zur Kunst über die man laufen darf), wir sitzen im Freien, über uns hängen Blumenbüsche ihre Pracht herunter, Vögel singen und das Essen duftet aus verschiedenen Schalen so lecker wie es dann auch schmeckt. Außer mir essen wieder alle ohne Besteck, irgendwann muss ich das wohl doch auch mal lernen. Fladenbrot gibt es auch dazu aber in verschiedensten Variationen – aus Maismehl und aus Weizenmehl, mit und ohne Spinat daruntergemischt. Bunker macht wieder Witze darüber, dass ich in Tilonia so gefüttert werde, dass ich ein paar Kilo schwerer nach hause komme, ich glaube inzwischen, dass dieser Witz Realität werden wird. Immerhin, mein neues indisches Gewand hat Gummizug, da klemmt wenigstens nichts.

Bei Tisch reden wir über Ost und West und allerlei Frauenthemen. Aruna war schon zu DDR Zeiten in Dresden und ist auch sonst viel im Ostblock herumgekommen. Sie sagt, wie viele gute Dinge es dort gab, gerade in der Bildung und Kinderbetreuung. Ich erzähle ihr, wie empfindlich Manche heute noch im Westen reagieren, wenn man gute Haare in der DDR Vergangenheit findet.

Mir werden Mitarbeiter aus den Teams von Aruna und von Bunker Roy vorgestellt, mit etlichen von ihnen werde ich noch ausführliche Gespräche haben können, über die natürlich berichtet wird. Nach dem Essen gehe ich auf Ornamentsuche und sammele Fotoschätze. Auf dem Festplatz mit der Mandala-Feuerstätte entdecke ich etwas, das ich zuerst für eine Vogeltränke halte. Bata erzählt mir aber, dass die kleinen Schälchen Lichter enthalten, die zu Weihnachten angezündet wurden.

Hängelichterkette

Das Barefoot College – Land des Lächelns und der Entschleunigung

An dem Platz hängen auch bunte Stofffahnen, mit Weihnachts- und Neujahrswünschen und mit einem weisen Spruch –

Festtagsfahnen

„Friendship never asks for anything in return, which is why it receives so much abundance without measure“…Ja, an diesem Spruch ist viel Wahres dran. Er passt auch sehr gut in das barefoot college, weil hier ganz offensichtlich ein freundschaftliches Miteinander dominiert. Ich habe noch kein einziges lautes Wort gehört, selten so viele Menschen lächeln sehen. Ich glaube, in Deutschland lächelt man einfach zu wenig, dabei pflanzt sich ein Lächeln immer fort (ich muss da an eine sehr schöne Geschichte von Volker Strübing denken, von der Lesebühne „Liebe statt Drogen“). Mir fiel das heute bewusst auf, als ich bei jedem einzelnen Lächeln merkte, wie mir Sonnenstrahlen das Herz wärmten und ich irgendwann auch nur noch lächelnd herumlaufen konnte. Klingt kitschig, aber so hat es sich gefühlt. Wie Wärme von innen, durch die Freundlichkeit der Umgebung erzeugt.

Ich habe mich noch in keinem Urlaub so entspannt. Das liegt natürlich auch daran, dass ich zur Abwechslung mal nicht dauernd von A nach B reise und auch daran, dass man hier überall für mich sorgt, als wäre ich in einem all-inklusive Urlaub. Aber es liegt gewiß auch an der Freundlichkeit und Langsamkeit im Campus. Jetzt verstehe ich, wie das Bunker Roy immer meinte, wenn er mir in der Vergangenheit öfter riet „you have to do everything much slower, dont rush through your life“. Ich habe mich selten so entschleunigt gefühlt wie hier, wenn überaupt schon einmal. Die Zeit läuft neben mir her und ich merke es kaum. Ich habe keine Termine, keine Pläne, keine Verabredungen – wenn dann nur lose und zum nächsten Essen. Es gibt nie Eile, nie Druck, nie etwas zu verpassen. Da wo ich bin, bin ich immer richtig. Ein wunderbares Gefühl und ein eher ungewohntes oder sagen wir mit der Zeit verloren gegangenes Gefühl.

Kunst, die man kaufen kann

So wandere ich am Nachmittag auch in den barefoot college Shop, um mir die käuflichen Ergebnisse der vielfältigen Handwerke anzuschauen. Ich wollte sie wirklich nur anschauen, aber natürlich blieb es nicht dabei. Als Mensch mit Sinn für das Textile und Achtung vor dem Handwerk kann man im Shop verloren gehen oder zumindest ein paar stauenden Stunden verbringen.

der Barefoot College Craft Shop

Neben mir tat das auch eine indisch stämmige Familie aus Minnesota, der Vater ein Professor für Management, die Mutter ehemals aus Tilonia, die Kinder sind zum ersten Mal da.

Produkte aus dem Craft-Shop

Fast beneide ich sie um ihre gegenseitige Gesellschaft, in der sie sich immer wieder mit kindlichen Staunen und Begeisterungsrufen die schönsten Stücke zeigen, große Bettdecken auf dem Boden ausbreiten, die Vorzüge von Kissenfarben diskutieren und die Feinheit von Patchwork und Stickerei bewundern.

Produkte aus dem Craft-Shop

Ich staune still vor mich hin und baue in einer Ecke einen kleinen Stapel mit ausgesuchten Lieblingsstücken.

Ausschnitt aus einem riesigen Wandbehang mit Applikationen

Schuhe müssen jetzt auch sein, diese Machart hat fast das ganze Dorf an. Sie haben einen unschlagbaren Vorteil – man kann sehr einfach rein und raus schlüpfen, was man hier fast überall muss. Schuhe ausziehen ist hier Gebot an jeder Tür. So passt mein Schuhwerk auch besser zur indischen Kleidung.

meine neuen Schuhe

Neben einigen Kissenbezügen und anderen textilen Kleinigkeiten nehme ich aber auch noch 2 Bücher mit: eine Art Katalog des Kunsthandwerks aus dem college und ein Fotobuch mit Bildern der barefoot college Fotografen. Mein Großeinkauf kostet 63 Dollar und passt gerade so in zwei Tüten. Selbst diese Tüten sind Handwerk – aus alten Zeitungen, selbstgedrehten Hanfkordeln und an den Seiten mit Dekor beklebt. Nach dem Shoppen gibt’s wieder Tee mit Bata, draußen vor der Messe.

Bata beim Tee vor der Messe

Die Zeit bis zum Abendessen vergeht mir sehr schnell, umso mehr kommt es mir entgegen, dass wir etwas später essen gehen müssen, da die Blechteller alle sind. Heute bekomme ich kein Extraessen aber so scharf finde ich es gar nicht, vielleicht gewöhne ich mich auch nur langsam an die Schärfe im Essen. Ich möchte Bata etwas von der Heimat zeigen, aber auf meiner Festplatte finden sich nur Bilder von Berlin, auch da eher spezielles, wie das Lichtfestival und die Feiern zum 20. Jahrestags des Mauerfalls. Die Bilder von den Dominosteinen eignen sich aber gut, um ein wenig Deutschlandgeschichte zu erzählen, sie sind voller Symbolik. Ich zeige ihr meinen YouTube Film  mit den Mauersteinen und fast jedes Bild ist ein Stichwort zum Erzählen. Bata muss noch arbeiten, weitere Fotoschauen verschieben wir auf später. Ich setze mich ans Schreiben bis die Telefonhütte schließt. Mein zweiter Tag in Indien geht zu Ende.

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