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Posts Tagged ‘Sonnenschwestern’

Festkleidung in 9 Schichten

Wir essen früh zu Abend – um 20 Uhr sollen die Lagerfeuer entzündet werden. Draußen im Garten trudeln die ersten Gäste ein. Ich verschwinde noch einmal kurz, um mich umzuziehen. Die Nacht ist mondhell und sternenklar – aber lausekalt. Es empfiehlt sich eine Schichtbekleidung. 

in 9 Schichten Festkleidung mit Aruna - nachts ist es kalt in der Halbwüste Rajasthans

Also ziehe ich Lage über Lage an, über Strumpfhosen und Jeans kommt eine neue blaue Hose aus dem college shop, über die Pullover und warmen Unterhemden kommt ein zweischichtiges Oberteil, ebenfalls eine Neuerwerbung. Eine Totakette wird um den Hals gehängt und an jeden Ohrring ein Tota-Vögelchen montiert, dann noch einen Schal und das obligatorische Tuch umgeworfen (das blaue, das mir Bunker Roy von seiner Afrikareise mitgebracht hatte) und fertig bin ich – festlich gekleidet in 9 Schichten. Schlank macht das nicht gerade, aber darauf kommt es hier auch nicht an. 

Die Madonna von Tilonia

Um 20 Uhr ist der Festplatz voller Menschen, es wird geschnattert und gelacht und auf das Feuer gewartet. Unter den wartenden sehe ich eine Frau mit zwei Kindern, für mich fortan die Madonna von Tilonia. Das Bild spricht für sich selbst. Diese Mutter ist eine der Night School Drop Outs, die ich auch beim Herstellen von Kalendern fotographiert habe. Ihr Blick ist magisch. Dieses Bild mußte ich auch einfach größer hier abbilden, auch wenn das Laden dann länger dauert. 

die Madonna von Tilonia

Die Feuer brennen – Happy, happy Solar Engineer

Das Anzünden der vier Lagerfeuer ist schon der erste Höhepunkt, der von Raunen und Begeisterung begleitet wird. Am Feuer ist es warm und heimelich. Die nächsten vier Stunden vergehen im Fluge. Ein Mitarbeiter des Communicationsteams übernimmt die Rolle des Conferenciers.Nacheinander kommen alle Teams zum Einsatz, um sich vorzustellen, etwas zu singen oder zu tanzen. Natürlich gibt es auch das „Solar-Team“ – die Frauen aus Afrika, die länderweise auftreten. Einige von ihnen haben Lieder gedichtet für diesen Abend, so erklingt „Happy happy solar engineer, happy happy India, thanks to the sun for rising, happy happy solar engineer“.

die Solar Sisters aus Afrika feiern mit

Viele der Afrikanerinnen bedanken sich überschwänglich, sie rufen “India atcha! India atcha!“ (Indien ist gut), sie erzählen, dass man sie vor der Reise warnte, es sei gefährlich in Indien. 

Afrikanische Solar Ingenieurinnen beim Sylvesterfest

Sie erzählen, dass sie dankbar und glücklich sind, sehr viel lernen und dass die Menschen in Indien gut und freundlich sind. Sie danken der indischen Regierung für die Co-finanzierung und Bunker als Leiter des barefoot colleges, sie danken allen, die im college leben und sie dabei unterstützen, hier eine Qualifikation zu erwerben, die nicht nur ihr Leben sondern auch das Leben aller ihrer Dorfmitbewohner verändern wird. Sie jubeln sich gegenseitig bei ihren Auftritten zu. 

Auch die Solarkocher-Monteurinnen haben einen Auftritt. In dem indisch-sprachigen Lied verstehe ich immer wieder die Wörter „solar cooker“. Aruna übersetzt mir grob den Inhalt. Auch in diesem Lied geht es darum, der Sonne dafür zu danken, dass sie für ihre Energie quasi kostenfrei zur Verfügung stellt. 

Eine Riesin tanzt in der Sylvesternacht

Einen weiteren Höhepunkt stellt die Vorführung der Puppenspieler dar, die mit einer Riesenfrau einen Tanz spielen. 

Das Puppenspielerteam fasziniert mit einer tanzenden Riesin

Kurz vor Mitternacht schlagen die Trommeln, es wird im Kreis getanzt und bald tanzt ein Mann mit einem gelähmten Bein und seinem über 2 meter langen Gehstock ausgelassen in der Mitte. 

Mann mit Stock beim Neujahrstanz

Er hatte schon vorher ein Solo getanzt und mich dabei ebenso beeindruckt wie ein taubstummer Mann, der in perfektem Rhythmus zur Trommelmusik tanzte und mich schon fast an Michael Jackson erinnerte. Es gibt viele Menschen mit physischen Handicaps im barefoot college. Sie sind Teil der Gemeinschaft wie alle anderen, fröhlich und selbstbewußt, von allen respektiert und gehen ihrer Arbeit nach wie jeder andere auch. 

Sylvester endet ohne Alkohol  und Böller – das neue Jahr beginnt mit Mondfinsternis

Um Mitternacht wünscht Aruna allen ein Frohes Neues Jahr und lädt zur traditionellen Neujahrssüßigkeit ein. Jeder beglückwünscht jeden. Alkohol fließt keiner, auch andere Getränke gibt es nicht zum Anstoßen. Zwischendurch gab es Milchtee zum Aufwärmen. Hier knallen keine Böller durch die Nacht und hier ist die Feier auch mit dem Beginn des Neuen Jahres vorbei. Die Musikanlage wird um 00:10 abgebaut, die Lichterketten auch, schon eine Viertelstunde nach Mitternacht ist der Festplatz fast menschenleer. Eine Handvoll räumt noch auf und ein paar Teammitglieder von Aruna Roy versammeln sich um die runde Feuerstelle.

Neujahrsmond

Wir schauen alle ständig zum Mond. Es ist eine Vollmondnacht und jemand hat erzählt, dass es gleich eine partielle Mondfinsternis geben soll. Als sich herausstellt, dass sie erst um 1:25 beginnt und auch nur schlecht zu sehen sein soll in Indien, ziehe ich mich zurück. Ich bin totmüde, obwohl es in Deutschland ja erst 20:30 Uhr war. So schnell kann man sich umgewöhnen. Aruna hat mir auch noch 2 Extrabettdecken besorgt, so schlafe ich zum ersten Mal ohne Socken und Pullover und habe es mollig warm. Das neue Jahr kann kommen.

Happy New Year 2010!

 Leseempfehlungen

Artikel Vorbereitungen für das Neujahrsfest 31.12.2009

Artikel Neujahrsfest für die Kinder – 01.01.2010

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Sita Bai – die singende Solarkocher-Monteurin

Wir steigen wieder in den Jeep, der uns in das neue Campus zurück bringt. Dort zeigt mir Bata die Werkstatt für Solarkochgeräte. Am Eingang der Werkstatt treffen wir auf zwei junge Frauen, eine davon steht in einem tiefen Loch, dass sie mit einer Hackschaufel tiefer gräbt.

schwere Arbeit im Erdloch

Daneben, im roten Sari steht Sita Bai. Als Bata sie mir vorstellen will, braucht sie nicht viel erzählen. Ich habe Sita längst an ihrem Lächeln wieder erkannt. Den Film über die singende Solarkocher Monteurin Sita Bai habe ich mehrfach gesehen – er ist auch hier im Blog (rechts unten bei den Links zum Barefoot College) verlinkt. Bata erzählt, dass ich Sita aus dem Film kenne und beide freuen sich – die Protagonistin des Films und die Dokumentarfilmerin.

Sita Bai am selbstgebauten Solarkocher

Sita erklärt mir die Funktionsweise der Solarkocher. Eine Große Parabole ist mit kleinen rechteckigen Spiegeln bestückt – jedes einzeln mit einfachem Draht befestigt.

Befestigung der Spiegel am Solarkocher (Rückwand)

Diese Solarschüssel wird dann zu den Sonnenstrahlen so ausgerichtet, dass diese gebündelt auf die Kochstelle fallen. Dort entsteht so viel Hitze, dass 1 Liter Wasser in 8 Minuten kocht.

Ausrichtung des Solarkochers

Die meisten der zu Solarkochermonteurinnen ausgebildeten Frauen können kaum oder gar nicht lesen und schreiben. In der Werkstatt gibt es jedoch riesige Bauzeichnungen auf dem Boden, nach dem die Solarkocher von ihnen gebaut werden.

Bauzeichnungen für den Solarkocher

Ein Kocher reicht, um für eine 8-köpfige Familie mit Sonnenenergie zu kochen. In Tilonia wird für die große Gruppe der Bewohner gemeinsam gekocht, da ist ein Gasherd doch praktischer. Die Solarkocher werden jedoch auch für den Verkauf hergestellt.

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Was ist ein Charge Controller?

Zur Zeit (schon seit September) sind Frauen aus 6 afrikanischen Ländern da. Einige sprechen französisch, andere etwas englisch, manche nur ihre Stammessprachen. Trotzdem funktioniert die Kompetenzvermittlung offenbar hervorragend. Rahamatu aus dem Niger erklärt mir stolz die Bestandteile und Funktionsweise verschiedener Solarbauteile.

Rahamatu aus dem Niger erklärt den Charge Controller

Sie ist nur etwas enttäuscht, dass ich den Namen des nigrischen Präsidenten noch nie gehört habe aber das wird verziehen und sofort ist ihr strahlendes Lächeln wieder da. Sie erzählt, dass sie mit einer anderen Frau aus dem Niger die ersten aus ihrem Land sind, die in Tilonia lernen können. Sie erzählt auch, dass sie dem barefoot college unendlich viel verdankt. Jeden kleinen Transistor, jeden Widerstand und jede LED kann sie genau beschreiben. Sie zeigt uns die unterschiedlichen Leiterplatten für Charge Controller, einfache Solarlampen und kompliziertere tragbare Solarlampen. Auf einem Tisch liegen alle Bauteile übersichtlich nebeneinander, dahinter die Solarpanele.

das wird alles in den Solarwerkstätten hergestellt

Ich lerne, dass die angehenden Solaringenieurinnen alles was sie für die spätere Solarelektrifizierung ihres Dorfes brauchen, hier schon in Tilonia selbst herstellen. Sie haben den Bauplan jedes Teils genau im Kopf und sind so in der Lage, alle Reparaturen kompetent durchzuführen. Die leuchtenden Augen von Rahamatu vergesse ich bestimmt mein Lebtag nicht.

Rahamatu, Sonnenschwester aus Niger

Die Ausbildung erfolgt überwiegend durch Learning by Doing. Drei Frauen und ein Mann aus dem barefoot college sind Instrukteure. Die meisten der Frauen sind entweder ganz oder weitgehend Analphabetinnen. Ein Großteil der Anleitung erfolgt über Farbcodes, die Instrukteurin kennt die Grundfarben schon in den verschiedensten afrikanischen Sprachen.

die Instrukteurin für Solar-elektrotechnik

An den Wänden hängen Plakate. Auf einigen stehen die Namen, Dörfer und Herkunftsregionen der Teilnehmerinnen, auf anderen sind die Baupläne gezeichnet oder Farbcodes in verschiedenen Sprachen aufgeschrieben. An einer Tafel steht die Aufgabe für heute: „Bau eines charge controllers“. Ein Charge Controller ist ein Bauteil, das im Solarkreislauf für die Steuerung benötigt wird. Es regelt die Stromaufnahme und –abgabe, „ohne Charge Controller geht gar nichts“ („rien ne marche pas!“) – so die Nigerianerin in resolut vorgebrachtem Französisch.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch bei den Solar Sisters. Die gute Laune in der Werkstatt ist ansteckend.

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