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Posts Tagged ‘Tilonia’

Im September 2009 traf ich auf dem Global Economic Symposium den Gründer und Leiter der Barefoot Colleges in Indien, Bunker Roy. Diese Begegnung hat mich sehr stark beeindruckt. Bunker Roy erschien mir wie ein neuer Mahatma Gandhi (der tatsächlich sein großes Vorbild ist). Seine ungewöhnliche Ruhe und Gelassenheit verbindet sich mit einer Radikalität der Gedanken und einer präzisen Rethorik. Er kennt offenbar keine Furcht davor, Konventionen oder diplomatische Normen zu verletzen und Mißstände brilliant aber scharf zu benennen. Seine Überzeugungen vertritt er mit Verve jedoch immer ohne Aggression und mit Sätzen, aus denen eine tiefe Weisheit spricht. Das Leuchten seiner Augen und die markant aufrechte Haltung sind Spiegelbild seines geradlinigen Auftretens, das keine Kompromisse kennt.

Bunker Roy stammt aus einer wohlhabenden Familie, besuchte  renommierte indische Eliteschulen, in denen die Reichen  unter sich blieben. Als junger Mann reiste er jedoch einmal auf das Land, in die Gegend von Jaipur, um eine zeitlang dort zu arbeiten – bei den Ärmsten der Armen. Diese Zeit sollte sein Leben verändern. Der Traum seiner Eltern zerplatzte, der begabte Sohn verweigerte sich einer bourgoisen Karriere in der indischen Führungselite.

Von da an und inzwischen seit fast 40 Jahren widmet er sein Leben der Aufgabe, Armut in ländlichen Gegenden Indiens dauerhaft zu bekämpfen. 1972 gründete er das Barefoot College in Tilonia in Rajasthan. Im Barefoot College werden die Ärmsten ausgebildet. Analphabetinnen und Analphabeten, die weniger als einen Dollar am Tag  zum Leben haben. Bunker Roy begegnet ihnen mit Respekt und Anerkennung. Viele von ihnen können zwar nicht lesen und schreiben aber sind hervorragende Handwerker in vielfältigen Fachrichtungen.

In den Barefoot Colleges wird nach grundsätzlichen Prämissen ausgebildet:

  • die fachliche Professionalität der ländlichen Bewohner wird anerkannt und weitervermittelt (von den jeweils besten)
  • Probleme in der Community lassen sich nur in der Community und durch die Community selbst lösen
  • modernste Technologie wird mit alten Traditionen verbunden – z.B. Solartechnologie
  • Alphabetisierung ist keine unbedingte Voraussetzung für eine fachliche Ausbildung
  • jeder kann lernen, auch ohne gemeinsame Sprachkenntnisse
  • es werden vor allem Frauen in technologischen Bereichen ausgebildet
  • nach der Ausbildung gibt es keine Zertifikate
  • die Organisation des Colleges erfolgt durch die Armen selbst
  • Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen
  • das Ziel der Ausbildung ist die Befähigung der Dorfbewohner, künftig unabhängig und mit einem höheren Lebensstandard zu leben
  • Ausbildung und Betrieb des Colleges erfolgen mit starker Fokussierung auf den Schutz der Umwelt und einen schonen Einsatz von Ressourcen (vollständig solarelektrifiziert, Regenwassergewinnung, Recycling im Handwerk…)

Im Barefoot College wird jedoch nicht nur gelernt. Es ist auch Versorger mit Energie und Gesundheitsleistungen und Arbeitgeber, aber auch 250 „Nachtschulen gehören zum Barefoot College, in denen Kinderarbeiter abends eine Schulausbildung erhalten können. Mehr als 125.000 Menschen in über 100 Dörfern der Rajasthanischen Wüstengegend profitieren von diesen Angeboten.

Das für mich spannendste Vorhaben ist jedoch die Ausbildung von analphabetischen Müttern und Großmüttern zu Solaringenieurinnen. Was völlig verrückt klingt, funktioniert schon seit fast 20 Jahren. Frauen lernen in 6 monatiger praktischer Ausbildung alles, was sie können müssen, um später alle Häuser in ihren Heimatdörfern zu solarelektrifizieren, eine Werkstatt für Reparaturen zu betreiben, Solarlampen und Solarkocher zu bauen oder sogar Energieversorgung für solarbetriebene Wasserpumpen bereitzustellen.

Vor der Ausbildung von niedrigem sozialen Stand und Ansehen in ihren Heimatdörfern, kommen sie als „Tiger“ zurück (Bunker Roy). Sie können leben vom Entgelt für den Betrieb der Solaranlagen auf den Häusern in ihren Dörfern und bringen Licht und damit mehr Lebensqualität in die fernsten Gegenden. Eine Kilowattstunde Strom auf der Basis von Kerosin kostet 5-6 €, Solarstrom kann schon für 60 cent je Kilowattstunde erzeugt werden. So steht in der gesamten Community auch mehr Geld für andere Ausgaben (Bildung, Gesundheit, Konsumgüter) zur Verfügung. Zusätzlich fallen stundenlage Wege zur Beschaffung von Kerosin und anderen Brennstoffen wie Holz weg und wird Zeit frei für andere Beschäftigung. Kinder können wieder lernen und damit die Chancen auf eine bessere Zukunft erhöhen. Tausende Häuser in Hunderten Dörfern, in Indien, Afganistan, Nepal und in über 20 der ärmsten afrikanischen Länder wurden bereits von „Solar Sisters“ solarelektrifiziert. Tausende Tonnen Kohlendioxidäquivalente wurden eingespart.

Für dieses Engagement und den vielfältigen Erfolg in der Praxis ist Bunker Roy mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, vom rennommierten Tyler Prize über den Robert Hill Prize der europäischen Photovoltaic Community, bis hin zur Nominierung als Finalist in der WorldChallenge 2009 der BBC.

Mich hat die Genialität dieses Konzeptes in den Bann geschlagen. Ich war daher begeistert, als mich Bunker Roy bat, deutsche Botschafterin für die Barefoot Colleges zu werden. Seit dem engagiere ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten. Unter anderem habe ich ein Spendenprojekt bei betterplace.org eingestellt, um 10 Analphabetinnen aus Afrika eine Ausbildung als Solaringenieurin und die  Erstausstattung für 10 Häuser zu finanzieren.

Mit Bunker Roy bin ich in ständigem Kontakt. Über seine Einladung, das Barefoot College in Tilonia zu besuchen, habe ich mich sehr gefreut. Ich brenne darauf, mir selbst ein Bild zu machen – die „Tigerfrauen“ kennen zu lernen und zu erleben, wie Ausbildung mit Analphabetinnen verschiedener sprachlicher Hintergründe funktioniert.

Vom 27.12.2009 bis zum 08.01.2010 werde ich das Barefoot College in Tilonia, Rajasthan, in Indien besuchen.

In diesem Blog möchte ich mich den Solarsisters widmen, der Reise vor Ort, den Eindrücken. Ich möchte mit Fotos und Videos das Erlebte illustrieren, Interviews mit Bunker Roy und den Bewohnern des Barefoot College führen, Erfahrungen sammeln, die sich auch auf unsere Welt übertragen lassen und Anregungen gewinnen, wie Entwicklungshilfe nachhaltig funktionieren kann – bottom up statt mit der Gießkanne top down.

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